Zeitarbeit – Rettung in der Not?

Was tun, wenn die Auftragsbücher überquellen und ausgerechnet dann auch noch der Geselle krank ist? Viele Malermeister kennen das Problem. Vor allem im Sommer kommt es im Maler- und Lackiererhandwerk oft zu Auftragsspitzen. Das Modell der Zeitarbeiter bietet hierfür kurzfristig Hilfe. Es gibt sogar Agenturen, die sich eigens auf die Vermittlung von Fachkräften für das Malerhandwerk spezialisiert haben.

Zeitarbeit hilft kurzfristig dazu, Auftragsspitzen abzudecken
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Grundsätzlich steigt die Nachfrage nach Zeitarbeitern. Laut Bundesagentur für Arbeit hat sich die Zahl der Zeitarbeiter in den letzten zehn Jahren mehr als verdoppelt. Gewerkschaften und Innungen werfen dabei oft einen kritischen Blick auf die Branche. Zeitarbeit und Werkverträge dienten nur vordergründig der Flexibilität, so der Vorwurf. Tatsächlich würden Festangestellte durch billigere Zeitarbeiter ersetzt und Kernaufgaben per Werkvertrag an Scheinselbstständige vergeben, um Löhne zu drücken.

Qualifikation und Kosten sind wichtige Kriterien

»Typische Innungsmitglieder arbeiten mit Festangestellten«, stellt Wolfgang Siegel, Geschäftsführer des Landesinnungsverbands des Bayerischen Maler- und Lackiererhandwerks, fest. Wenn Arbeitsspitzen auftreten, sei Zeitarbeit jedoch ein »probates Mittel«. So sieht es auch Uwe Scheel, Malermeister aus Burscheid. Wenn Not am Mann ist, greift er immer wieder auf Zeitarbeiter zurück. »Ich hatte schon sehr gute Zeitarbeiter, aber es kamen auch schon Leute, mit denen ich nichts anfangen konnte«, berichtet Scheel. »Wenn einer nur Mist macht«, weiß er aus Erfahrung, »übernimmt der Verleiher keine Haftung.« Daher sei er vorsichtiger geworden. Lieber verlasse er sich auf die Unterstützung von Kollegen. »Da stimmen die Gewährleistung und die Haftung«, betont Scheel. Besonders kleine Firmen mit ein bis zwei Mitarbeitern müssten seiner Ansicht sehr darauf achten, wen sie sich bei Auftragsspitzen ins Boot holen, da es sofort auffalle, wenn die Leistung nicht passt. »Wenn 15 Leute auf der Baustelle sind, ist dies eher zu kompensieren«, glaubt Uwe Scheel.
Betriebswirtschaftlich sei Leiharbeit nur auf den ersten Blick günstiger als Festanstellung. »Wenn man über längere Zeit einen qualifizierten Malergesellen auf Zeitarbeitsbasis einstellt, kostet das 25 Euro netto pro Stunde. Auf den Monat hochgerechnet kommen so leicht 4.800 Euro zusammen«, rechnet der Malermeister vor. Für dieses Geld bekäme man auch einen festangestellten Gesellen. Allerdings: Dafür liegt die gesamte Rekrutierung, Verwaltung und Abrechnung beim Verleiher. Dieser trägt auch die Sozialabgaben und das volle Arbeitgeberrisiko wie Krankheit, Feiertage, einsatzlose Zeiten, Urlaub usw.

Wie das eigene Personal behandeln

Dass es Zeitarbeiter gibt, die sich mit dem Modell sehr wohl fühlen, weiß auch Felix Diemerling. Er arbeitet in seinem Unternehmen mit einem gemischten Team an Leiharbeitern und Festangestellten zusammen. »Grundsätzlich haben bei uns alle eine Ausbildung abgeschlossen und einen Gesellenbrief in der Tasche. Leiharbeiter haben Stärken und Schwächen wie jeder fest angestellte Mitarbeiter«, ist er überzeugt. Als Geschäftsführer der Maler- und Lackiererinnung Rhein-Main setzt er sich dafür ein, dass Leiharbeiter wie die Stammbelegschaft behandelt werden. »In der Innung achten wir darauf, dass anständig gezahlt wird und die Leute auch über die Wintermonate beschäftigt werden.« Als Unternehmer greife er auf einen Pool von qualifizierten Mitarbeitern zurück, die er flexibel da einsetze, wo er sie brauche, erklärt er sein Geschäftsmodell.
Darüber hinaus hält er Zeitarbeit für ein gutes Instrument, um Gesellen zu qualifizieren. »Es gibt nicht mehr viele Unternehmen, die ihren Auszubildenden vom Vergolden über Trockenbau bis zur Wickeltechnik alles beibringen können«, erklärt Diemerling. Die Ausbildung sei inzwischen manchmal katastrophal. »Durch die Arbeit bei unterschiedlichen Betrieben können Malergesellen Techniken erlernen, denen sie im Ausbildungsbetrieb nie begegnet sind.« In der Innung denke man derzeit über Möglichkeiten der systematischen Nachqualifikation von jungen Leuten nach, die ihren Gesellenbrief noch nicht lange in der Tasche haben und nicht in ein festes Arbeitsverhältnis übernommen wurden. Dies wäre dann ein erster Schritt, um dem viel beschworenen Fachkräftemangel entgegenzutreten.

Vom Zeitarbeiter zum eigenen Mitarbeiter

Uwe Walter, Malermeister aus Dortmund, stellt Gesellen seit Jahren über eine Zeitarbeitsagentur ein. Wenn sie sich bewähren, werden sie fest angestellt. »Zwei zentrale Mitarbeiter in meinem Team habe ich beispielsweise durch Zeitarbeit rekrutiert«, berichtet Walter.
Auch deswegen sind Zeitarbeitsunternehmen aus der modernen Arbeitswelt nicht mehr wegzudenken. Wenn die Auftragslage des Entleihers, also des Betriebs, dünn wird, kann dieser den Zeitarbeitnehmer ohne bürokratische Hürden wieder an den Verleiher zurückgeben (abmelden). An diesem liegt es nun, den Arbeitnehmer in einem anderen Betrieb unterzubringen. Auf diesem Weg bleibt der Kunde flexibel und der Mitarbeiter behält seinen Arbeitsplatz. Das Arbeitgeberrisiko trägt der Dienstleister. Eine Win-Win-Situation für alle Beteiligten.
»Für kleine und mittelständische Firmen kann es auch interessant sein, das gesamte Recruiting an eine Personalagentur abzugeben«, erklärt Fabian de Almeida, geschäftsführender Gesellschafter der Dahmen Personalservice GmbH. Dadurch kann sich der Betrieb auf sein Kerngeschäft konzentrieren. Der Dienstleister sucht passende Mitarbeiter entsprechend der Anforderungen, stellt diese vor und überlässt sie nach Zustimmung an dem Betrieb. Wenn alles gut funktioniert, die Zusammenarbeit passt und die Auftragslage stimmt, kann der Betrieb die Zeitarbeitnehmer nach einer Frist kostenlos übernehmen. Hier greift der sogenannte »Klebeeffekt«.

Das Problem mit den Werkverträgen

Ein heißes Eisen in der Branche sind Werkverträge. Dabei verpflichtet sich der Auftragnehmer zur Herstellung eines bestimmten Werks gegen Zahlung einer vereinbarten Vergütung – auch Werklohn genannt. Vertragsgrundlage ist keine Tätigkeit, sondern die Erbringung eines bestimmten Arbeitsergebnisses. In der Regel handelt es sich um einen Werkvertrag, wenn einmalige Leistungen erbracht werden, die nicht in einem Dienstvertrag festgehalten wurden, wenn eine Abnahme des Werks erfolgt und sich die Vergütung nur nach dem Werk richtet und nicht nach dem Stundensatz.
»In der Praxis verbindet sich damit oft ein massives Lohndumping auf Kosten wehrloser ausländischer Arbeitnehmer«, stellt Felix Diemerling fest. Es seien häufig osteuropäische Arbeiter im Einsatz, die schamlos ausgenutzt würden. 2014 habe es im Ruhrgebiet einen Fall gegeben, wo die Arbeiter in Müllunterständen untergebracht worden seien. Er appelliert daher an die Politik, ihren Kontrollpflichten besser nachzukommen. Bei der Wärmedämmung von Gebäuden sei das Arbeiten mit Werkverträgen, die auf Lohndumping beruhen, sehr verbreitet. Werkverträge, bei denen leistungsergänzende Arbeiten, wie zum Beispiel ein Gerüstbau, beauftragt würden, seien hingegen völlig in Ordnung.
Um sich auf einem derart dynamischen Arbeitsmarkt zu bewegen und die Potenziale für sein Unternehmen zu nutzen, sind vor allem Informationen gefragt. Malerbetriebe, die mehr wissen wollen zu rechtlichen Hintergründen von Zeitarbeit, Kollegenhilfe und Werkverträgen, können sich an die Innungen bzw. Fachorganisationen wenden. Der Landesinnungsverband des Bayerischen Maler- und Lackiererhandwerks beispielsweise hält dazu verschiedene Merkblätter bereit.

Erschienen in der Mai-Ausgabe der Mappe. 

Einen weiteren Artikel über Recruiting und Personalsuche finden Sie hier