Wie geht Handwerk zwischen Tradition und Innovation, Herr Bizer?

Das Handwerk hat starke Wurzeln und eine lange Tradition. Neue Technologien, veränderte Märkte und gesellschaftlicher Wandel fordern die Branche heraus. Die Frage ist, wo geht es hin? Ein Gespräch mit dem Direktor des Volkswirtschaftlichen Instituts für Mittelstand und Handwerk an der Universität Göttingen über die 2011 veröffentlichten Studie No. 82 »Quo vadis Handwerk? Identität des Handwerks im Wandel«.

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Ohne Handwerk geht es nicht! Das gilt 2030 wie heute und wie vor 100 Jahren.

Prof. Dr. Kilian Bizer

Mappe: In der ifh-Studie spricht Prof. Elkar davon, dass die Identität des Handwerks nicht von einem unwandelbaren Kern ausgehen kann sondern nur in der beständigen Neuerung bestehen kann. Wie kann das gelingen?

Prof. Bizer: Soziale Identität steht immer unter Spannung, denn wir haben alle mehrere und selten widerspruchsfreie Identitäten: Der Handwerksmeister führt ein Unternehmen und muss mit dem Kunden interagieren und gleichzeitig seinem Lehrling in Ruhe das beibringen, was der noch nicht kann. Das birgt schon eine Spannung. Aber der Meister lehrt auch nicht einfach, was er gelernt hat, sondern wägt ab zwischen traditionellem Wissenskern, der notwendig ist, um das Handwerk zu beherrschen, und neuem Wissen, das die Aufgabe vielleicht schneller erledigen lässt. In diesem Sinn steckt im Erlernen eines Handwerks immer ein Kern traditionellen Wissens bei simultaner Innovationstätigkeit.

Mappe: Besteht die Gefahr, dass die breite, identitätsstiftende Mitte des Handwerks an Gewicht verliert, wie Cramer und Müller in der Studie voraussagen? Welche Gegenmaßnahmen müssen dann ergriffen werden?

Prof. Bizer: Das Handwerk hat in der Vergangenheit von der Abgrenzung zu anderen Wirtschaftsbereichen profitiert. Durch die Novelle der Handwerksordnung von 2004 und die Einschränkung der Meisterpflicht hat sich diese Abgrenzung verwässert und die Bereitschaft zur Ausbildung ist zurückgegangen. Aus meiner Sicht sollte man die Novelle politisch rückgängig machen und gleichzeitig die Qualität der Meisterausbildung deutlich und stetig verbessern. Wenn das Handwerk zeigt, dass es Aufträge qualitativ hochwertig vollbringt und gleichzeitig Ausbildung und Lohn und Brot bietet, dann ist die Identitätsfrage fast beantwortet.

Warum sollten Handwerker nicht genauso wie Ärzte oder Wissenschaftler die bestmöglichen Maschinen und Werkzeuge nutzen?

Mappe: Wie kann Handwerksmeistern der Spagat gelingen, sich traditionellen Werten zu verpflichten und gleichzeitig Hand in Hand mit modernster Technik zu arbeiten?

Prof. Bizer: Ich sehe darin keinerlei Widerspruch: Das Handwerk hat sich schon immer Werkzeugen bedient. Und häufig genug erfindet es einfache Werkzeuge selbst, um die Arbeit zu verbessern. Wenn es sich nun auch Algorithmen bedient, dann ermöglicht dies wiederum eine bessere oder kostengünstigere Ausführung für den Kunden – oft genug beides. Das steht in keinerlei Widerspruch zur Handwerkerehre, die meines Erachtens eine zuverlässige Qualität, den Einsatz der eigenen Könnerschaft und die bestmögliche Ausbildung für den Nachwuchs beinhaltet. Bei all diesen Punkten können Algorithmen helfen, die Leistung zu verbessern. Und warum sollten Handwerker nicht genauso wie Ärzte, Wissenschaftler oder Industriearbeiter die bestmöglichen Maschinen und Werkzeuge nutzen?

Mappe: Wie kann ein Meister einen Handwerksbetrieb nach den Vorgaben einer gemeinwohlorientierten sozialen und ökologischen Marktwirtschaft führen und dabei im Wettbewerb bestehen?

Prof. Bizer: Das gewinnorientierte Unternehmertum steht nicht zwangsläufig im Widerspruch zum Gemeinwohl, sondern nur dann, wenn die Anreize nicht richtig gesetzt sind. Ein Betrieb, ob Handwerk oder nicht, verschwendet nicht einfach Ressourcen, sondern muss klug wählen, welche Entscheidungen wieviel Zeit und Geld beanspruchen dürfen. Am einfachsten fällt die Übereinstimmung zwischen Gemeinwohl und privatem Gewinn sicher in Nischen, in denen die Zahlungsbereitschaft von Kunden besonders groß ist. Das kann bei bestimmten Lebensmitteln sein, die besonders hohe Standards erfüllen. Das kann aber auch einen Orgelbau betreffen. Jeder Handwerksunternehmer muss mit den Mitarbeitern sorgfältig umgehen, damit sie bei ihm bleiben. Und er muss jenseits der Ressourcenbewirtschaftung umso sorgfältiger mit der Umwelt umgehen, wenn dieser Umgang für die Kunden von Bedeutung ist.

Das Bewusstsein dafür, dass die Ausbildungstätigkeit von Handwerkern ein zentraler Baustein für die Gesellschaft und ein hohes Gut ist, ist gewachsen.

Mappe: Was hat sich seit der Veröffentlichung der Studie 2011 im Hinblick auf die Identität des Handwerks in der Selbstwahrnehmung wie der Wahrnehmung in der Bevölkerung verändert?

Prof. Bizer: Seit 2011 ist das Bewusstsein dafür gewachsen, dass die Ausbildungstätigkeit von Handwerkern ein zentraler Baustein für die Gesellschaft und ein hohes Gut ist. Und das Handwerk stellt dieses auch für eine Gruppe bereit, die in der schulischen Karriere nicht zu den Erfolgreichsten gehört. Gleichzeitig bietet das Handwerk bei seinen Produkten und Dienstleistungen hohe Qualität nach anerkannten Regeln. Hinzu kam eine sehr gute Konjunktur sowohl im Baubereich als auch im konsumnahen Handwerk durch steigende Reallöhne. Der wirtschaftliche Erfolg stärkt natürlich ebenfalls das Selbstbewusstsein.

Mappe: Wie kann das deutsche Handwerk seine Identität erhalten im Rahmen einer gesamteuropäischen Handwerkspolitik?

Prof. Bizer: In Europa kennt man das Handwerk als eigenen Wirtschaftsbereich nur im deutschsprachigen Raum. Weil das Handwerk durch Kleinst- und Kleinunternehmen gekennzeichnet ist, diskutiert man es in Brüssel unter dem Sammelbegriff der kleinen und mittleren Unternehmen. In diesem Bereich gibt es häufig nicht so umfassende Ausbildungen wie sie das deutsche Handwerk kennt. Seit der Finanz- und Wirtschaftskrise 2009 ist das Bewusstsein dafür gewachsen, dass Ausbildung eine Strategie gegen Arbeitslosigkeit sein kann, der Weg zur Einführung einer dualen Ausbildung ist aber – z. B. südeuropäische Länder – sehr weit. Deshalb müssen wir daran arbeiten, dass der Binnenmarkt nicht einfach nur zu einer Angleichung aller Regeln führt, sondern ein Institutionenwettbewerb unter den Mitgliedsstaaten zugelassen bleibt. Dann können Länder wie Deutschland zeigen, ob das Handwerk wie wir es kennen, die bessere Option ist.

Die Wiedereinführung der Meisterpflicht würde die Wahrnehmung des Handwerks stärken

Mappe: Was kann helfen, dem Handwerk ein entsprechendes Ansehen zu verleihen?

Prof. Bizer: Erstens bringt das Handwerk zwar keine Sprunginnovationen hervor – aber das schafft die deutsche Industrie auch nur in Ausnahmefällen. Das Handwerk ist aber ein beständiger Innovator durch inkrementelle, also aufeinander aufbauende Innovationen. Dafür müssen wir ein politisches Bewusstsein schaffen und zeigen, dass man diese Innovationen auch messen kann und dass sie zum wirtschaftlichen Erfolg beitragen. Zweitens würde die Wiedereinführung der Meisterpflicht unter dem Kriterium der Ausbildungsleistung die Wahrnehmung des Handwerks stärken. Und drittens, und dazu haben wir unter dem Titel »Ihr wisst mehr als ihr denkt!« gerade eine Ausstellung auf die Reise durch das Land geschickt, müssen wir zeigen, dass das Erfahrungswissen im Handwerk es lohnenswert macht, Handwerksberufe zu erlernen, Könnerschaft zu entwickeln und damit am Markt Problemlösungskompetenz anzubieten, die bessere Produkte und Dienstleistungen hervorbringt.

Mappe: Wie sehen Sie persönlich die Zukunft des Handwerks in Deutschland im Jahre 2030?

Prof. Bizer: Ohne Handwerk geht es nicht! Das gilt 2030 wie heute und wie vor 100 Jahren. Das Handwerk verändert sich beständig und es wird nicht dasselbe sein wie heute. Aber es wird das Handwerk geben und es wird eine wichtige Rolle in der Gesellschaft spielen.

Mappe: Vielen Dank, Herr Prof. Bizer.

Das Interview erschien im Rahmen der Berichterstattung »Quo Vadis, Handwerk?« zur Zukunftsfähigkeit des Handwerks in der Ausgabe 06/2019 der MAPPE: Mappe 06/2019