Viel mehr als nur Geld

Die digitale Währung Bitcoin macht seit Monaten von sich reden. Die eigentliche Revolution ist aber die sogenannte Blockchain-Technologie, auf der Bitcoin basiert. Sie könnte das Internet verändern wie kaum eine Technik zuvor.

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Malermeister Frank Jordan aus Techau bei Lübeck hat einen Faible fürs digitale Zeitalter. Der 45-jährige Chef twittert, unterhält für seinen Drei-Mann-Betrieb einen Facebook-Account – und akzeptiert seit rund einem Jahr die digitale Währung Bitcoin als Zahlungsmittel. »Ein Freund hat mich seinerzeit auf die Idee gebracht«, sagt Jordan. Viel Arbeit war damit nicht verbunden. Er richtete eine »Wallet« genannte virtuelle Geldbörse zum Verschicken und Empfangen von Bitcoin ein: »Das war in Sekunden erledigt«, erinnert sich Jordan. Berührungsängste hatte er ohnehin nicht. Er findet: »Man muss sich mit solchen neuen Technologien einfach auseinandersetzen!« Der Malermeister hat sich auf mehreren Internetportalen für Firmen registriert, die Bitcoin als  Zahlungsmittel akzeptieren.

Ein neues Marketing-Instrument?

Rund zehn Anfragen und immerhin einen konkreten Auftrag hat er darüber bis jetzt bekommen. »Für mich ist das ein Marketinginstrument. Zudem glaube ich, dass die hinter dem Bitcoin stehende Blockchain-Technologie viel Potenzial hat und es sich lohnt, sich damit zu beschäftigen.« Experten sehen das genauso. Die Blockchain-Technologie könnte das Internet und die Art, wie Menschen kommunizieren, revolutionieren – weit über das Schaffen digitaler Währungen hinaus. Ganze Wirtschaftsbranchen stehen vor massiven Umwälzungen. Hintergrund ist die wachsende Bedeutung von Daten für die Geschäftsmodelle vieler Unternehmen ebenso wie für das alltägliche Leben und Blockchains könnten deren Handhabe stark vereinfachen. »Die Technologie erlaubt einen neuen, offeneren Wettbewerb beim Verwerten von Daten«, sagt Marco Liesenjohann, Referent Blockchain beim Digitalverband Bitkom. Das Bewusstsein für die mögliche Dimension der Veränderung ist vielerorts schon da: Mehr als jedes zweite Unternehmen hierzulande quer durch alle Branchen hält die Blockchain-Technologie für bedeutend, wenn es um die Zukunftschancen der deutschen Wirtschaft geht, kommt eine aktuelle Bitkom-Umfrage zum Ergebnis.

Noch selten eingesetzt

Der Weg hin zur praktischen Anwendung ist freilich noch weit: Gerade einmal zwei Prozent der Befragten diskutieren oder planen einen Einsatz im eigenen Unternehmen oder haben gar erste Versuche damit gestartet. Auch Handwerker werden mit der neuen Technologie früher oder später in ganz unterschiedlichen Bereichen in Berührung kommen: »Langfristig sind zum Beispiel die Gewerbeanmeldung oder das Abführen der Gewerbesteuer auf Basis von Blockchain-Technologie denkbar«, sagt Liesen-Johann. Experten raten Handwerkern in jedem Fall, Blockchain im Blick zu haben und Anknüpfungspunkte im kleinen Rahmen zu nutzen, um sich mit der Technologie vertraut zu machen. Entwickler tüfteln zum Beispiel an Blockchain-basierten Office-Produkten, bei denen die Daten der Nutzer besser geschützt sein sollen als bei den derzeit boomenden cloudbasierten Programmen. Wer darauf nicht warten will, akzeptiert Bitcoins als Zahlungsmittel wie Malermeister Jordan und erschließt damit obendrein potenziell neue IT-affine Kundschaft.

Über die Anwendung in Unternehmen hinaus vergleichen Beobachter die Situation mit der Verbreitung des Internets Anfang der 1990er Jahre. Die Anzahl der Nutzer war noch überschaubar,  das Potential vage und in seinem ganzen Ausmaß kaum erkennbar – aber das weltweite Netz war dem Stadium eines vorübergehenden Hypes definitiv schon entwachsen. Zwei Jahrzehnte später könnte die Blockchain-Technologie das Internet nun auf die nächste Stufe heben. »Die Blockchain-Technologie bietet grundverschiedene Strukturen im Vergleich zum derzeitigen Internet und damit das Potenzial, das digitale Wirtschaften noch einmal grundlegend zu verändern«, sagt Katja Nettesheim, Geschäftsführerin der auf digitale Transformation spezialisierten Unternehmensberatung Mediate aus Berlin. »Und zwar zum Positiven.«

Blockchain ist Bitcoin? Ja und nein

Um besser zu verstehen, was für grundlegende Neuerungen die Blockchain bedeuten dürfte, hilft ein Blick auf die dahinter stehende Technologie: Eine Blockchain ist eine kryptografisch verschlüsselte Datenbank, in die Nutzer laufend Informationen wie zum Beispiel Transaktionen eintragen und die nachträglich nicht mehr geändert werden kann. In der weltweit ersten und bislang am längsten existierenden Blockchain überhaupt geht es um das Aufzeichnen von Geldtransfers zwischen Personen: Die Rede ist von Bitcoin. Deren Schöpfer haben die Technologie der Blockchains entwickelt, um virtuelles Geld ohne Banken überweisen und aufbewahren zu können. Die Blockchain ist also die Technologie, die im Jahr 2009 gestartete Kryptowährung Bitcoin der erste Anwendungsfall. Das Bitcoin-Netzwerk funktioniert bis heute erfolgreich nach dem gleichen Prinzip: Daten von Geldtransfers werden laufend kryptografisch verschlüsselt und zu Blöcken zusammengefasst.

Das Netzwerk hängt die Informationen jeder neuen Transaktion an die existierende Kette (»Chain«) von Blöcken an, die dadurch immer länger und umfangreicher wird. Eine neue Transaktion wird nur dann Teil der Blockchain, wenn die Mehrheit der Teilnehmer den jeweiligen Vorgang als korrekt bestätigt. Das alles funktioniert vollautomatisch anhand eines ausgeklügelten, programmierten Mechanismus. Blockchain-Transaktionen sind also nicht nur verschlüsselt, sondern auch deshalb fälschungssicher, weil jeder Teilnehmer im Netz stets eine Kopie der aktuellen
Kettendatei besitzt. Will jemand etwas verändern, vergleicht das System dessen Blockchain mit den im Umlauf befindlichen Kopien. Und nur wenn die Mehrheit der Kopien mit seiner Version übereinstimmt, wird die Transaktion genehmigt. Ein Angreifer müsste also eine Kopie aller bislang gebildeten Blöcke bauen. Und es braucht enorm viel Rechnerleistung, um neue Blöcke zu erzeugen, weshalb das Fälschen einer Blockchain zwar theoretisch möglich, praktisch aber kaum machbar ist. Wie sicher die Technologie ist, lässt sich an Bitcoin ablesen: Die Marktkapitalisierung der Kryptowährung liegt derzeit bei rund 150 Milliarden US-Dollar und bietet damit einen enormen Anreiz, das System zu knacken. Doch das ist bislang nicht passiert: »Die Blockchain-Technologie hat den ersten groß angelegten und mehrjährigen Praxistest bereits sehr erfolgreich bestanden«, sagt Katja Nettesheim. Als Zahlungs- und Geldaufbewahrungsmittel funktioniert die Kryptowährung dennoch nur eingeschränkt – mit Wertsteigerungen von mehreren tausend Prozent in den vergangenen Jahren und einem zwischenzeitigen Kursrutsch von 16.000 Euro auf rund 6.000 Euro innerhalb weniger Wochen Anfang des Jahres gelten Bitcoins derzeit vor allem als Spekulationsobjekt für risikofreudige Anleger.

Nutzen für Privatleute: Hoheit über Daten wiederbekommen

Neben der Fälschungssicherheit liegt ein weiterer grundsätzlicher Vorteil für Nutzer darin, dass eine Blockchain grundsätzlich dezentral funktioniert. Verfechter der neuen Technologie sehen darin einen großen Vorteil: Die Nutzer bekommen die Hoheit über ihre Daten zurück, weil Plattformen ohne zentralen Betreiber funktionieren, der bestimmte Informationen der Nutzer einfordern kann und Geld damit verdient, sie zu verkaufen. Experten erhoffen sich auf gesellschaftlicher Ebene nicht weniger, als dass die Technologie dem Internet seinen ursprünglichen
Charakter zurückgibt – und es wieder zu einer dezentralen und von jedem gleichermaßen nutzbaren Infrastruktur macht. Denn nach dem Entstehen des World Wide Web (www) und der wachsenden Verbreitung war der zweite Entwicklungsschritt das Entstehen großer Plattformen wie Amazon, Ebay, YouTube und sozialer Netzwerke wie Facebook und Twitter. Diese vereinfachen die Kommunikation und Transaktionen zwischen Unternehmen und Kunden sowie Privatleuten untereinander zwar enorm. Allerdings hat der große Erfolg dieser Dienste aus Sicht vieler Nutzer mittlerweile auch viele negative Auswirkungen, weil einige wenige gigantische Plattformen enorm viele Daten zentral sammeln und damit auch immer mehr Macht bekommen.
Der nächste Entwicklungsschritt soll genau dieses Problem lösen: Die Blockchain-Technologie macht es möglich, dass Nutzer Daten und Werte automatisiert Zug um Zug direkt miteinander austauschen. Die Blockchain-Technologie selbst schafft damit das nötige Vertrauen unter Unbekannten, kein zentraler Betreiber einer Plattform als allmächtiger Aufseher und Schiedsrichter. »Mittelsmänner, die bisher diese Vertrauensdefizite ausgeglichen haben, werden damit überflüssig«, sagt Katja Nettesheim. Für Handwerksbetriebe könnten soziale Medien und Plattformen zum Ausschreiben von Aufträgen damit künftig interessanter werden, weil sie die Hoheit über ihre Daten behalten.

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