Traditionen bilden die Wurzeln

Das Handwerk hat starke Wurzeln und eine lange Tradition. Neue Technologien, veränderte Märkte und gesellschaftlicher Wandel fordern die Branche heraus. Die Frage ist, wo geht es hin? Ein Blick auf die Identität des Handwerks und seine Potenziale

Ein Schreiner, der eng mit einem Cobo – einem kollaborativen Roboter – zusammenarbeitet, ein Steinmetz, bei dem ein fünfarmiger CNC-gesteuerter Roboter die grobe Struktur aus dem Stein fräst: Ist das noch Handwerk? Mit 3D-Druck, Robotern und künstlicher Intelligenz liegt das Handwerk jedenfalls voll im Trend, heißt es in der »Trendmap Handwerk 2025«. Entwickelt wurde sie vom Trendforscher Peter Wippermann im Auftrag der GHM Gesellschaft für Handwerksmessen. Diese Trendmap zeigt 25 Trends auf, die die wichtigsten Entwicklungen im Handwerk bis 2025 beschreiben.

Ist das noch Handwerk?

Dieser Frage ging die Internationale Handwerksmesse I.H.M. 2019 in München nach und stellte sechs Trends aus der Trendmap vor: 3D-Druck, Brand-Experience, Co-Working-Sapaces, Power of Diversity, Cobots und Special Skills – alles »aktuelle relevante Trends, die Arbeitsabläufe, Produktion und Zusammenarbeit revolutionieren könnten», erläutert die GHM.

Die Trendmap gibt es hier im Download

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Die Frage wurde auf der Messe mit dem Slogan untertitelt: »Die Tradition als Basis. Die Zukunft als Vorbild«. Das Handwerk lebt also von seinen Wurzeln, seiner Tradition und seiner Identität – aber was genau macht die Identität des Handwerks aus?

Oder hat das Handwerk seine Identität bereits verloren?

Dr. Georg Cramer, ehemaliger Geschäftsführer der Handwerkskammer Düsseldorf und Dr. Klaus Müller, ehemaliger ifh-Geschäftsführer, finden, die Identität – ein Wesensmerkmal des Handwerks – sei brüchig geworden. »Die starke Klammer dieser Identität war über einen langen Zeitraum die gemeinsame Sozialisation. Sie begann mit dem Berufszugang über die Lehre in der dualen Ausbildung, führte über die Gesellentätigkeit bis zur Meisterschule und den Erwerb des Großen Befähigungsnachweises als Voraussetzung zur Selbstständigkeit und zu dem Selbstverständnis, Lehrlinge auszubilden und so die Sozialisationskette im Handwerk fortzuführen«, schreiben Cramer und Müller in der 2011 veröffentlichten Studie No. 82 »Quo vadis Handwerk? Identität des Handwerks im Wandel« des Volkswirtschaftlichen Instituts für Mittelstand und Handwerk an der Universität Göttingen.

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Die Wiedereinführung der Meisterpflicht würde die Wahrnehmung des Handwerks stärken

findet Prof. Dr. Kilian Biezer, Direktor des Volkswirtschaftlichen Instituts für Mittelstand und Handwerk

Hier geht es zum Interview: »Wie geht Handwerk zwischen Tradition und Innovation, Herr Biezer?«

Dabei sei der Meisterbrief unbestrittener »Markenkern« des Handwerks. Handwerks- und Meisterbetrieb konnte man geradezu als Synonym verwenden, argumentieren die beiden. Sie wissen auch, dass diese Klammer schwächer geworden ist und führen unter anderem die Handwerksnovellierung von 2004 als Grund an. Cramer und Müller geben weiter zu bedenken, dass »die breite Mitte im Handwerk mit fundierter persönlicher Qualifikation und einem qualitativ guten und selbstständigen Angebot innerhalb der jeweiligen Gewerkegrenzenzu schrumpfen scheint«. Damit verliere die breite, identitätsstiftende Mitte des Handwerks an Gewicht.

Prof. Dr. Rainer S. Elkar von der Universität der Bundeswehr München sieht das differenzierter: Für ihn verliert Handwerk seine Identität »Selbstverständlich nicht – denn es wandelt sich!«. Der Professor für Wirtschafts- und Sozialgeschichte führt weiter aus, dass sich die Identität des Handwerks nicht von einem unwandelbaren Kern ausgehend verstehen ließe, sondern nur in einer Orientierung auf beständige Neuerung. Das ganze Interview mit Prof. Dr. Kilian Bizer finden Sie hier

Beständigkeit durch Wandel also?

Die gesamte Diskussion um die Tradition und die Zukunft des Handwerks gibt es in der Juni-Ausgabe der Mappe: www.mappe.de/zeitschriften/mappe-06/2019