Titandioxid vor dem Aus?

Kaum ein Verbraucher kennt den  Stoff, aber aus dem Alltag ist das Weißpigment Titandioxid nicht wegzudenken. In Allerweltsprodukten wie Textilien, Papier und Kunststoffen, in Lebensmitteln, Kosmetika und Medikamenten oder auch in Farben und Lacken sorgt der Stoff für brillante weiße Undurchsichtigkeit. Damit könnte bald Schluss sein, befürchtet die Industrie: Die französische Agentur für Nahrungssicherheit, Umwelt und Arbeitsschutz (ANSES) hat bei der Europäischen Chemikalienagentur (ECHA) den Antrag gestellt, den Rohstoff Titandioxid zukünftig als kanzerogen einzustufen. Bis zum 15. Juli 2016 läuft jetzt eine öffentliche Konsultation, an der sich auch der Verband der Lack- und Druckfarbenindustrie (VdL) gemeinsam mit seinen Mitgliedern beteiligt. Titandioxid ist das mit Abstand wichtigste Weißpigment für Lacke, Farben und Druckfarben: Aufgrund der hohen Lichtstreuung seiner Kristalle hat Titandioxid die höchste Deckkraft von allen Weißpigmenten und ist daher für die Herstellung von weißer Wandfarbe oder zum Aufhellen von Farben unverzichtbar.
Dr. Martin Engelmann, Hauptgeschäftsführer des VdL wies darauf hin, dass eine Einstufung von Titandioxid als kanzerogen weitreichende Folgen für die Herstellung und vor allem den Verkauf von Produkten mit Titandioxid hätte: »Titandioxid hat den Siegeszug der Farbe Weiß erst ermöglicht. Die vorgeschlagene Neueinstufung hätte dramatische Auswirkungen. Denn Produkte, die kanzerogene Stoffe enthalten, dürfen nicht frei an private Endverbraucher verkauft werden.« Alternative Rohstoffe mit gleich guten optischen Eigenschaften gebe es nicht, Ersatzprodukte hätten nicht die gleichen Anwendungseigenschaften, seien trotzdem oftmals teurer und häufig wissenschaftlich weniger gut untersucht. »Als Konsequenz könnten Baumärkte keine weiße Wandfarbe wie heute üblich mehr anbieten, weil andere Weißpigmente nicht die gleiche Qualität wie Titandioxid erreichen«, sagte Engelmann. »Ich glaube nicht, dass die Konsequenzen einer Neueinstufung von Titandioxid allen Beteiligten bewusst sind.«

Keine Krankheitsfälle durch Titandioxid bekannt

Engelmann kritisierte die unzureichende wissenschaftliche Grundlage des Vorschlags. »Unsere Experten prüfen die toxikologischen Studien zwar noch intensiv, aber schon jetzt ist klar: Die weit überwiegende Zahl der Untersuchungen zeigt eindeutig, dass Titandioxid nicht krebserregend ist. Die französische Behörde stützt ihren Antrag auf lediglich zwei Tierversuche, die bereits 20 bis 30 Jahre zurückliegen und überdies zu widersprüchlichen Ergebnissen führten.« Bei der REACH-Registrierung von Titandioxid habe die Industrie 2010 eine umfangreiche Bewertung aller verfügbaren wissenschaftlichen Daten vorgenommen mit dem Ergebnis, dass eine spezielle Einstufung und Kennzeichnung von Titandioxid nicht erforderlich sei. Dieses Urteil werde regelmäßig überprüft und an den Stand der Wissenschaft angepasst. »Nach allem was wir wissen, ist Titandioxid sicher. Dies bestätigen auch die Untersuchungen über mehrere Jahrzehnte an circa 20.000 Arbeitern an 15 Produktionsstandorten, unter anderem in Deutschland. Dabei wurden keine negativen Auswirkungen auf die Gesundheit der Arbeiter durch Titandioxid festgestellt«, erklärte der VdL-Hauptgeschäftsführer.

Handlungsbedarf gegeben

In Europa werden von den zuständigen Behörden bei der Umsetzung der einschlägigen EU-Verordnungen zu REACH und CLP zunehmend schärfere Einstufungen für Stoffe als kanzerogen, mutagen oder reprotoxisch (sogenannte cmr-Stoffe) vorgeschlagen. Das hat auch für die Herstellung von Lacken, Farben und Druckfarben große Bedeutung. Eine Einstufung als cmr-Stoff bedeutet nämlich in der Regel die Aufnahme auf die so genannte »Kandidatenliste«, was zu Beschränkungen der Anwendung oder gar zu einem Zulassungsverfahren für den Stoff unter REACH führen kann. Engelmann forderte die Bundesregierung auf, im zuständigen ECHA-Gremium dafür zu sorgen, dass der französische Vorstoß zügig abgelehnt wird. Andernfalls drohe eine erhebliche Rechtsunsicherheit mit negativen Folgen für das Investitionsklima und die Wettbewerbsfähigkeit, nicht nur der deutschen Lack-, Farben- und Druckfarbenindustrie.

Quelle: Deutsches Lackinstitut

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