EU-Entscheidung: Titandioxid bleibt vorerst Kennzeichnungsfrei

Wenige Tage vor der EU-Entscheidung über eine Einstufung des Weißpigments  Titandioxid als Gefahrenstoff übte die Farbenindustrie scharfe Kritik an dem Vorschlag und wies auf die Konsequenzen hin. Aktuelle Entwicklungen deuten nun darauf hin, dass Titandioxid vorerst kennzeichnungsfrei bleiben soll. 

Inzwischen ist auch die letzte Möglichkeit Titandioxid als krebserregend einzustufen, ergebnislos verstrichen, meldet der Verband der deutschen Lack- und Druckfarbenindustrie (VdL). Im letzten Moment habe die EU die anstehende Entscheidung im Ausschuss am Donnerstag von der Tagesordnung genommen. Vermutet wird, dass sich aus diesmalkeine Mehrheit für eine Einstufung des Weißpigments abgezeichnet hätte. Neben den USA hatten auch Kanada, Mexiko, Japan, Australien und Neuseeland bereits in der Vergangenheit Einspruch gegen den Vorschlag eingelegt. Die seit langem im Gespräch stehende Klassifizierung hätte erhebliche Auswirkungen auf die Bauwirtschaft und das Handwerk gehabt.

Einstufung immer noch möglich

Nach den anstehenden Europawahlen kann aber das Thema im Herbst unter einer neuen EU-Kommission abermals auf die Tagesordnung gesetzt werden. Dann gelten wohl die Regeln der Delegierten Rechtsakte, wonach die Kommission die Einstufung zwar erst nach einer Prüfung der gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Auswirkungen, im Ergebnis aber ohne ein Votum der Mitgliedstaaten vollziehen kann.

Für die Industrie bleibt die Hoffnung, dass sich die »Kommission bis dahin nochmals über den richtigen Verfahrensweg Gedanken macht und statt des umstrittenen Verfahrens über CLP doch den effektiven Weg über eine EU-Harmonisierung der Staubgrenzwerte am Arbeitsplatz geht«, kommentiert VdL Geschäftsführer Dr. Martin Engelmann Entwicklung.

Die Hintergründe

Die Hersteller von Farben, Lacken und Druckfarben sind mit knapp 60 Prozent größter Abnehmer von Titandioxid-Pigmenten und wären durch die Einstufung erheblich betroffen.»Hintergrund für den Einstufungsvorschlag  ist die Befürchtung, dass Arbeiter an Lungenkrebs erkranken könnten, wenn sie bei der industriellen Herstellung und Verarbeitung Staubemissionen von Titandioxid, ausgesetzt sind«, erläutert Dr. Martin Engelmann, Hauptgeschäftsführer des Verbands der Lack- und Druckfarbenindustrie (VdL).

Die wissenschaftliche Grundlage für eine Einstufung von Titandioxid als potentiell krebserregend basiert lediglich auf einer einzigen, mehr als 20 Jahre alte Studie, bei der Ratten über einen sehr langen Zeitraum staubförmiges Titandioxid einatmen mussten. »Die dabei festgestellte Reaktion ist nach einhelliger Expertenmeinung nicht stoffspezifisch für Titandioxid, sondern charakteristisch für eine Vielzahl von Stäuben«, kritisiert Engelmann. Es gäbe auch in anderen Studien keine Hinweise auf eine Gefahr für Menschen. Im Gegenteil: Untersuchungen über mehrere Jahrzehnte hinweg an circa 24.000 Arbeitern in Titandioxid-Fabriken hätten kein erhöhtes Risiko für eine Tumorentwicklung festgestellt. »Titandioxid ist sicher. Untersuchungen der Deutschen Gesetzlichen Unfallversicherung bestätigen, dass es in Deutschland keinen einzigen Fall einer anerkannten Berufskrankheit aufgrund von Titandioxid gibt. Verbraucher kommen mit Titandioxid-Pulver kaum in Kontakt, so dass eine Gefährdung auch aus Sicht der EU-Kommission ausgeschlossen ist«, erklärt Engelmann.

Der VdL schlägt statt einer Klassifizierung von Titandioxid eine europaweite Angleichung der Staubgrenzwerte am Arbeitsplatz vor. »Die diskutierten Risiken beruhen allein auf dem Einatmen von Stäuben. Der Schutz vor Staub ist ein wichtiges Thema und wird in den meisten EU-Mitgliedstaaten durch einen Grenzwert am Arbeitsplatz sichergestellt. Deutschland ist hier international Vorreiter«, erläutert Engelmann. Statt der vorgeschlagenen Einstufung von Titandioxid sollte die von der EU-Kommission bereits in Angriff genommene Harmonisierung der Staubgrenzwerte in Europa vorangetrieben werden.

Weitere Informationen auf der Webseite des VdL unter www.wirsindfarbe.de

Hintergründe, Entwicklungen und einen Überblick zur Diskussion gibt es auch in der Oktoberausgabe der Mappe: www.mappe.de/einzelhefte/10-18