Prüfsiegel auf dem Prüfstand

Gütesiegel auf Farben und Lacken sollen Malern eine gute Qualität der Produkte anzeigen. Was genau solche Auszeichnungen aussagen, ist aber häufig unklar. Nicht alle sind seriös.

prüfsiegelmappedeDie Vielfalt der Siegel hat in den vergangenen Jahren stark zugenommen. Der Bundesverband »Die Verbraucher Initiative« schätzt, dass in Deutschland mittlerweile mehr als 1.000 Gütesiegel für Produkte, Dienstleistungen und Handel vergeben werden: »Der Labelmarkt wächst stark«, beobachtet Tomas Kilousek, Referent für Nachhaltigkeit bei der Verbraucherinitiative. Er sieht die wachsende Zahl grundsätzlich positiv. »Verbraucher benötigen Informationen zu den Eigenschaften von Produkten in einfacher Form, genau das leisten Labels.« Der Experte sieht allerdings eine Grauzone, wenn Labels Eigenschaften bestätigen, die auch nicht gelabelte Produkte haben – etwa, weil gesetzliche Vorschriften bestimmte Grenzwerte ohnehin vorschreiben. Für den Verbraucher ist dann nicht mehr ersichtlich, was eigentlich der Mehrwert des Siegels und damit der Vorteil eines Produktes gegenüber einem andere Fabrikat ohne Siegel ist. Die Übersicht schwindet mit der steigenden Zahl der Auszeichnungen. »Die Flut von unterschiedlichen Siegeln ist mittlerweile ein echtes Problem«, bestätigt Kerstin Etzenbach-Effers, Umwelt- und Gesundheitsschutzexpertin bei der Verbraucherzentrale NRW. »Viele von ihnen sind schlicht Marketingwerkzeuge ohne jede inhaltliche Aussagekraft, weil die Anbieter die Ware nicht wirklich prüfen oder die Hersteller blumige Siegel schlicht selbst erfinden und ihre Produkte nicht prüfen lassen.« Denn alles, was von der Optik her an ein Siegel erinnert, fördert bei vielen Kunden die Kaufbereitschaft. »Verbraucher kennen die Bedeutung von Siegeln häufig nicht, und das nutzen viele Hersteller aus«, kritisiert die Verbraucherschützerin.

Klarheit über die Siegelbedeutung schaffen

Wer auf Nummer sicher gehen will, sollte sich deshalb schlau machen, was das Siegel auf einer Verpackung eigentlich aussagt. Eine Übersicht über rund 600 Label gibt zum Beispiel die Verbraucher Initiative auf ihrer Internetseite label-online.de, zudem  können Malermeister auf den Internet-Seiten seriöser Gütesiegelanbieter gezielt nach Lacken und Farben mit dem jeweiligen Siegel suchen. Auf Verpackungen von Farben und Lacken prangen häufig vor allem Siegel, die bestimmte Eigenschaften in Bezug auf Gesundheit und Umweltverträglichkeit bescheinigen. Wie etwa der Blaue Engel, das weltweit erste Umweltzeichen überhaupt.
Seriöse Siegel wie der Blaue Engel legen auch detailliert offen, was und wie genau sie eigentlich prüfen. Ganz wichtig: Der Anbieter des Gütesiegels sollte sich nicht auf die Angaben eines Herstellers über die Inhaltsstoffe eines Produktes verlassen, sondern sie selbst überprüfen. Bei Farben und Lacken funktioniert das am besten mit einer so genannten Emissionsprüfung: Proben des Materials werden für einen bestimmten Zeitraum in geschlossenen Behältern verwahrt und die Inhaltsstoffe der austretenden Gase analysiert. »Es gibt standardisierte Verfahren für solche Prüfungen, die unbedingt angewendet werden sollten, um Ergebnisse nachvollziehbar vergleichbar zu machen«, meint Verbraucherschützerin Etzenbach-Effers. »Zudem sollten die Prüfkriterien öffentlich zugänglich sein, damit die Verbraucher sich selbst ein Bild davon machen können, was ein Siegel aussagt.« So können Kunden auch herausfinden, nach welchen Standards der Anbieter prüft oder prüfen lässt.

Zertifizierung

Etzenbach-Effers fordert zudem, dass die Hersteller die Inhaltsstoffe nicht nur einem Prüflabor, sondern auch dem Endverbraucher gegenüber offenlegen und am besten gleich auf die Verpackung schreiben – was bislang eher die Ausnahme ist. »Würden die Inhaltsstoffe zum Beispiel in absteigender Reihenfolge auf der Verpackung genannt, wäre das gerade für professionelle Anwender wie Maler oft hilfreich, um Produkte vergleichen zu können«, sagt Etzenbach-Effers. Weitere Forderungen der Verbraucherschützerin: Gütesiegel sollten über die gesetzlich ohnehin vorgeschriebenen Anforderungen hinausgehen – zum Beispiel bei den Höchstgrenzen für gesundheitsschädliche Bestandteile. Wichtig findet die Expertin auch, dass die Siegel nur für einen befristeten Zeitraum vergeben werden. »Die Hersteller ändern ihre Rezepturen im Laufe der Zeit, dann sollte ein Siegel seine Gültigkeit verlieren oder eine neue Prüfung erfolgen.« Zumal die Hersteller in manchen Fällen gar nicht mitbekommen, dass sich die Zusammensetzung eines Produktes ohne ihr Zutun geändert hat – etwa, wenn ein Rohstofflieferant nicht mehr zu einhundert Prozent die gleiche Ware liefert.

Gesundheitliche Relevanz von Label

Lackhersteller wissen um die Wirkung von Labeln. Caparol zum Beispiel lässt nach eigenen Angaben rund 80 Prozent seiner Wasserlacke vom Blauen Engel zertifizieren, einen großen Teil der wässrigen Innenfarben ziert das Schadstoffsiegel des TÜV Nord. Ein Grund: Bei bestimmten Projekten dürfen Maler nur gelabelte Produkte verwenden: »Insbesondere bei Großobjekten und öffentlichen Ausschreibungen sind schadstoff- und emissionsgeprüfte Produkte meist zwingend gefordert«, sagt Alfred Wassner vom Dr. Robert-Murjahn-Institut im hessischen Ober-Ramstadt, der den Farbenhersteller berät. »Gleiches gilt zum Beispiel für Objekte, die nach den Standards der Deutschen Gesellschaft für Nachhaltiges Bauen zertifiziert werden sollen.« Denn auch in diesen Fällen bevorzugen die Auftraggeber speziell ausgezeichnete Produkte.
Bei besonders anspruchsvollen Kunden, die bestimmte Stoffe nicht vertragen und zum Beispiel allergisch reagieren, sollten Maler sich nicht auf Siegel allein verlassen. »Für Handwerker wird es immer wichtiger, dass sie Kunden im Hinblick auf die gesundheitliche Verträglichkeit von Materialien beraten«, sagt Matthias Wolf, Geschäftsführer des Umweltinstituts im Leipzig. Wer sich dann immer noch unsicher ist, ob bestimmte Stoffe in einem Produkt enthalten sind, könne auch schlicht beim Hersteller anrufen und nachfragen.
Malermeister Franke aus Bad Arolsen bietet Kunden längst besonders ökologisches und für Allergiker verträgliches Bauen an, zum Beispiel mit Bio-Farben, bei denen grundsätzlich sämtliche Inhaltsstoffe angegeben sind, ob mit oder ohne Gütesiegel: »Das Bewusstsein für Gesundheit und Umwelt wächst«, sagt der Handwerker. »Für uns ist das ein interessanter Markt.«

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