09. November 2021

Fachdialog »Niedertemperatur-ready 2021«

Die Fassadendämmung ist eine wichtige Voraussetzung dafür, Energieeffizienz und erneuerbare Energie zusammen zu denken. Foto: VDPM
Die Fassadendämmung ist eine wichtige Voraussetzung dafür, Energieeffizienz und erneuerbare Energie zusammen zu denken. Foto: VDPM

Anzeige

Bis 2045 will die Bundesregierung für Deutschland einen nahezu klimaneutralen Gebäudebestand realisieren. Die Stellschrauben sind die Senkung des Verbrauchs sowie die Umstellung von fossilen Energieträgern hin zu erneuerbarer Energie. Damit dieser Wechsel gelingt, müssen Gebäude »Niedertemperatur-ready« gemacht werden.

70 Teilnehmer folgten der Einladung des VDPM am 28. Oktober zu einer Webkonferenz über den Weg zum klimaneutralen Gebäudebestand. In Kurzvorträgen erläuterten Vertreter unterschiedlicher Interessenverbände, aus Wohnungswirtschaft, Industrie und Wissenschaft ihre Positionen zum Thema »Niedertemperatur-Readiness«. Hinter dem etwas sperrigen Begriff steckt ein neuer Standard – die Eintrittsschwelle, um den Umstieg auf erneuerbare Energieträger überhaupt zu ermöglichen. Die Botschaft lautet: Energieeffizienz und erneuerbare Energie zusammen denken, anstatt sie in Konkurrenz zueinander zu stellen.

Zusammenspiel von Maßnahmen

Der VDPM treibt diesen Standard gemeinsam mit Partnern wie dem ifeu-Institut voran, das mit der aktuellen Studie »Energieeffizienz als Türöffner für erneuerbare Energien im Gebäudebereich« eine Basis geschaffen hat. Die Heizwasser-Vorlauftemperatur spielt hierbei eine zentrale Rolle. Sie sollte an den kältesten Tagen des Jahres maximal 55 °C betragen, im Normalbetrieb aber sehr deutlich darunter liegen. Um die Absenkung zu erreichen, ist ein Zusammenspiel unterschiedlicher Maßnahmen erforderlich: Wärmedämmung der Außenwände gehört ebenso dazu wie optimierte Auslegung der Heizung. VDPM-Hauptgeschäftsführer Dr. Hans-Joachim Riechers erklärt: »Um es klar zu sagen: Ohne eine ausreichende Energieeffizienz ist der Umstieg auf erneuerbare Energie im Gebäudesektor nicht machbar und für den Einzelnen auch nicht bezahlbar.« Der Vorteil des neuen Ansatzes für die Wohneigentümer sei die Einfachheit und Klarheit sowie eine flexible Wahl der Maßnahmen. »Mit der Niedertemperatur-Readiness machen wir einen konkreten Vorschlag und lassen dem Immobilienbesitzer gleichzeitig den notwendigen Freiraum, seine individuelle Lösung zu finden. Von der Politik erwarten wir, dass sie diesen Vorschlag nun aufgreift und ihn im Gebäudeenergiegesetz sowie bei der Förderung berücksichtigt.«

Stillstand im Gebäudesektor

Trotz unterschiedlicher Interessenschwerpunkte der Referenten herrscht Konsens über die Notwendigkeit, gemeinsam die Wende zum klimaneutralen Gebäudebestand anzugehen. Zu den am Fachdialog beteiligten Experten gehören Dr. Martin Pehnt vom ifeu-Institut, Dr. Ingrid Vogler vom GdW, Dr. Martin Sabel vom Bundesverband Wärmepumpe, Dr. Marek Miara vom Fraunhofer-Institut für Solare Energiesysteme ISE, Barbara Metz als stv. Bundesgeschäftsführerin der Deutschen Umwelthilfe sowie Dr. Eva Maria Kasparek als Vertreterin des Bauministeriums.
Die Sicht der Bestandshalter erläutert Dr. Ingrid Vogler und betont zum Punkt Energieeffizienz: »Wir müssen mit der Vorlauftemperatur runter.« Erneuerbare Energien sollten ihrer Ansicht nach bei allen der in Frage kommenden Maßnahmen an erster Stelle stehen. Klar sei aber auch, dass dies nur funktioniere, wenn die Gebäude darauf vorbereitet seien. Die Realität sieht allerdings anders aus, da nach Erfahrung von Dr. Martin Sabel derzeit Gas nach wie vor klar dominiert. Wärmepumpen seien im Neubau vorzufinden, im Bestand jedoch als Alternative noch nicht angekommen. »Das ist das riesen To-Do für uns, an den Bestand ranzugehen«, sagt Sabel. Das Fraunhofer-Institut hat bereits an Fallbeispielen untersucht, wie sich Wärmepumpen in Altbauten einsetzen lassen. Dr. Marek Miara: »Die Fragestellung lautete für uns: Ist es möglich und ist es sinnvoll?« Bei den meisten Objekten war das Fazit positiv.

Niedertemperatur-Ready als Türöffner für erneuerbare Wärme

Barbara Metz konstatiert im Hinblick auf die Energiewende einen »Stillstand im Gebäudesektor«. Der Anteil erneuerbarer Energien am Endenergieverbrauch sei zu niedrig, um die Klimaziele zu erreichen. Der Schlüssel liege im Bestand, während die Fördergelder zum überwiegenden Teil in den Neubau gingen. Das sieht auch Dr. Eva Maria Kasparek so. Es müsse mehr getan werden, um mit Hilfe einer energieeffizienten Gebäudehülle auch im Bestand die Grundlage für eine Versorgung mit erneuerbarer Energie zu schaffen. In der kommenden Legislaturperiode kämen das Gebäudeenergiegesetz und die Fördersystematik wieder auf den Prüfstand. Die Niedertemperatur-Readiness werde dabei ein Thema sein. Alle Beteiligten begrüßten den Impuls, der vom Konzept ausgehe. »Der Vorschlag liegt nun auf dem Tisch. Lassen Sie uns gemeinsam die Gebäude ›Fit für Erneuerbare‹ machen«, fasst Dr. Hans-Joachim Riechers zusammen. Es sei höchste Zeit, nicht ständig neue Ideologien zu entwerfen, sondern endlich in der »Klimarealität« anzukommen.

Quelle: VDPM / Matthias Heilig