30. Juli 2021

Farbe von Anfang an berücksichtigen

Farbfächer sind ein wichtiges Arbeitsmaterial bei der Farbberatung. Foto: Joachim Propfe
Farbfächer sind ein wichtiges Arbeitsmaterial bei der Farbberatung. Foto: Joachim Propfe

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Was macht eine gute Farbgestaltung aus und wie geht man bei einer Farbberatung am besten vor? Joachim Propfe arbeitet seit mehr als zwei Jahrzehnten als Farbgestalter. Im Interview gewährt er Einblick in seine Arbeit und gibt wertvolle Tipps.

Welche Größe sollen Farbtonmuster haben? Wie ist das mit Farbtrends? Soll ein digitales Messinstrument eingesetzt werden? Rund um Farbgestaltung und Farbberatung gibt es handfeste Fakten, aber auch viele persönliche Einflüsse.

 

»Einen Farbton sehen heißt noch lange nicht, dass man ihn verstanden hat.“

 

Mappe: Wie und wo sind Sie zur Farbgestaltung gekommen?

Joachim Propfe: Erste Erfahrungen mit Farbgestaltung habe ich in meiner Ausbildung zum Maler und Lackierer gesammelt. Allerdings konnten meine Ausbilder*innen viele meiner Fragen nicht beantworten. Da mich das Thema jedoch nicht mehr losließ und ich in meiner Ausbildungszeit mit großem Interesse die Artikel von und über Friedrich Ernst von Garnier las, habe ich nach einem Zwischenstopp in der Fachoberschule Gestaltung Farbdesign an der Fachhochschule Hildesheim studiert.

Mappe: Welche Bedeutung hat die Farbe in der Gestaltung für Sie?

J. Propfe: Eine sehr große. Denn in der Wahrnehmung steht die Farbe vor der Form. Man merkt das schon in der Sprache: Beschreibt man einen Gegenstand näher, wird die Farbe meist an erster Stelle genannt. Außerdem ist es praktisch nicht möglich, ohne Farbe zu gestalten, da jedes Ding, jede Oberfläche eine Farbe besitzt. Man kommt um die Entscheidung Farbe nicht herum. Leider wird dieser Punkt gerade in der Gestaltung von Architektur sowohl innen als auch außen häufig unterschätzt. Gerade in der Architektur besitzt die Farbe eine enorme Tragweite, weil sie massiven Einfluss auf die Wahrnehmung von Formen und Strukturen hat. Daher sollte Farbe meiner Ansicht nach in jedem Gestaltungsprozess von Anfang an berücksichtigt werden. Und im Bauen sollte der Farbgestalter den gleichen Stellenwert haben wie andere Fachingenieure oder Planer. Dass dem nicht so ist, mag darin begründet sein, dass hier nach einer vernachlässigten Planung erstmal keine physischen oder finanziellen Schäden entstehen wie bei einer mangelhaft berechneten Statik oder unzureichenden Wasserinstallationen. Aber nicht nur die gut geplante Lüftungsanlage sorgt für einen angenehmen Aufenthalt, sondern auch die Farbstimmung, die ein Raum ausstrahlt.

Joachim Propfe arbeitet seit vielen Jahren als Farbgestalter. Foto: Joachim Propfe

Mappe: Wie stehen Sie zu Farbtrends? Beraten Sie danach?

J. Propfe: Farbtrends sehe ich eher als Marketinginstrument. Denn sie suggerieren, dass es etwas Neues gäbe und schaffen so einen Kaufanreiz. Sich am Modischen zu orientieren, scheint in der Raumgestaltung einfacher als eine eigene Vision zu entwickeln. Es kann jedoch nicht dazu führen, dass Farbentscheidungen nicht sachlich hinterfragt werden und Trendfarben z. B. auch im historischen Umfeld angewendet werden. Farbtrends zu umgehen ist, da ihnen z. B. Tapeten oder Bodenbeläge unterliegen, aber auch nicht leicht. So habe ich mal in einer Phase, in der Grün out war, verzweifelt nach einem grünen Teppichboden gesucht. Bei meinen Farbberatungen lasse ich mich von den Kundenwünschen, dem Objekt und seinem Kontext leiten. Das liegt auch daran, dass es häufig um Farbgestaltungen innerhalb eines Bestandes geht. Da viele meiner Farbkonzepte sich mit Anstrichen realisieren lassen, bin ich ohnehin weniger trendabhängig. Außerdem sollte man die Dauer eines Renovierungszyklus berücksichtigen. Sind Kunden etwas weniger renovierungsfreudig, kann auch der aktuelle Farbtrend schnell von gestern sein.

Mappe: Sie sprachen eben von der Farbplanung im Bestand. Wie gehen Sie da vor?

J. Propfe: Ich sehe mir den Raum sehr genau an. Dabei ist es wichtig, die Materialien und Oberflächen zu erfassen, die verändert werden können und sollen. Genauso wichtig im Bestand sind jedoch diejenigen, die nicht verändert werden können. Das betrifft Fußböden, Holzeinbauten jeglicher Art, pulverbeschichtete Bauteile wie etwa Brandschutztüren, Treppengelände raus Metall usw. Hier nehme ich eine Farbanalyse vor.

Mappe: Wie führen Sie diese Farbanalyse durch?

J. Propfe: Visuell – ich schaue mir das Material an, bestimme den Farbbereich und benutze zur Feinabstimmung eine sehr fein differenzierte Farbkarte.

Für eine schnelle Notiz fotografiert Joachim Propfe die Farbnummern – hier die Grünnuancen aus dem Mosaikboden – mit dem Material zusammen ab. Foto: Joachim Propfe

Mappe: Warum benutzen Sie kein digitales Messinstrument? Das ist doch praktischer.

J. Propfe: Das Messinstrument liefert schnell einen Wert, aber mein Gehirn entwickelt keine Vorstellung des Farbtons. Denn einen Farbton sehen heißt noch lange nicht, dass man ihn verstanden hat. Das muss ich aber, wenn ich ein stimmiges Farbkonzept entwickeln möchte. Nehmen Sie zum Beispiel einen grauen Naturstein – selten findet man »neutrale« Grautöne vor, meist spielen sie ins Warme oder Kalte. Das muss man erkennen, um gestalterisch darauf reagieren zu können. Ein weiterer Grund, warum ich kein digitales Verfahren verwende, sind Flächen, die sich aus vielen mehr oder weniger unterschiedlichen, kleinflächigen Nuancen zusammensetzen, etwa Granit, Terrazzo oder Kunststoffböden. Diese Materialien entwickeln aus der Distanz betrachtet eine einheitliche Farbanmutung. Die erfasst jedoch kein Messinstrument, da es ja immer nur konkret einzelne Punkte in einem Farbton misst. An dieser Stelle sind größere Farbmuster besonders wichtig, die man auch einzeln betrachten kann; ein Farbfächer, bei dem sich zehn Farbnuancen auf einer Seite befinden, kommt nicht infrage. Man muss ein Farbmuster auf den Boden legen und aus der Distanz betrachten können, dann kann man den Farbeindruck ermitteln. Die Nuancen, die ich bei der Analyse ermittle, notiere ich, damit ich sie später im Atelier wieder zur Verfügung habe, wenn ich das Farbkonzept entwickle. Denn ich brauche für eine punktgenau Farbplanung genau die Nuance, die das Material vor Ort hat.

Mappe: Aber wo bleibt da der Spielraum für Kundenwünsche, wenn Sie eine Farbplanung auf bestehenden Materialfarben aufbauen?

J. Propfe: Der ist immer vorhanden. Denn gerade im privaten Umfeld ist es selbstverständlich wichtig, dass die Farbvorlieben oder auch die Wohlfühlfarben der Bewohner*innen die wichtigste Rolle spielen. Hier geht es meist jedoch nicht um konkrete Farbnuancen, sondern um Vorlieben für bestimmte Farbbereiche. Dadurch ist es möglich, aus diesen Bereichen die Nuancen auszuwählen, die am Besten in den bestehenden Kontext passen.

Mappe: Wie findet man aber nun genau den richtigen Ton?

J. Propfe: Da gibt es viele Methoden. Ich greife hier das Ausschlussverfahren heraus, dass sich vor kurzem wieder bewährt hat. In einem Haus sollte der Flur mit einer Kalkspachteltechnik gestaltet werden. Es ging um einen einzelnen Farbton. Zunächst habe ich vor Ort alle Originalmuster auf dem Boden ausgebreitet. Dann sortierten die Kunden alle Farbmuster heraus, die sie ablehnten. Im nächsten Schritt nahm ich die Muster weg, die aus der Perspektive des Farbgestalters nicht zum Bodenbelag, den Türen und Möbeln passten. Es blieben eine Handvoll möglicher Farbtöne übrig, aus denen die Kund*innen ihren Favoriten kürten. Interessanterweise war es ein Farbton, der zwar in der Auswahl verblieben war, dem sie aber zunächst keinerlei Beachtung geschenkt hatten. Am Ende war es der Ton, der ihnen im Zusammenhang mit dem Ambiente am besten zusagte. Diese Erfahrung mache ich häufig: Dass Farbtöne, die zunächst am Rand liegen, in einer Beratung in den Fokus rücken. Daher sollte man stets offen und unvoreingenommen in ein Beratungsgespräch gehen. Das gleiche gilt für umfangreichere Farbplanungen, die man im Studio ausarbeitet.

Bestandsfarben muss Joachim Propfe bei seiner Arbeit immer berücksichtigen. Foto: Joachim Propfe

Mappe: Haben Sie noch einen Tipp für unsere Leser?

J. Propfe: Für Farbberatungen und -gestaltungen sollte man sich Zeit nehmen? Spontanentscheidungen können gut sein, doch das sorgfältige Erarbeiten, Vergleichen und Abwägen führt zu nachhaltigeren Ergebnissen. Und: Trends zwar wahrnehmen, aber auch nicht überbewerten.

 

Tipps für die Beratung:

Den Kund*innen aktiv zuhören, es ist hilfreich, sich im Gespräch Punkte wie Vorlieben und Ablehnung von bestimmten Farben usw. zu notieren. Fotos als Notiz benutzen.

  • Eine Farbberatung sollte anschaulich sein. Farben und Materialien sollten nicht nur beschrieben, sondern gezeigt werden. Zeigen ist überzeugender als Beschreiben
  • Positive Begriffe und Formulierungen verwenden
  • Die eigene Kompetenz immer wieder überprüfen und erweitern, z. B. über Fortbildungen

Unbedingt vermeiden:

  • Die Kompetenz einer Beratung besteht nicht darin, Kund*innen nach dem Mund zu reden!
  • Kund*innen nicht den eigenen Geschmack verkaufen. Die persönlichen Vorlieben des Beraters oder der Beraterin sollten in den Hintergrund treten
  • Keine diskriminierenden Klischees in der Farbberatung nutzen (»Rosa ist für kleine Mädchen»)
  • Kund*innen niemals überreden, wenn man selbst kein überzeugendes Argument hat

 

Dieses Interview erschien in der Printausgabe der Mappe 06/2021.