27. Juli 2021

Konjunkturbremse Materialmangel

Auf dem Bau fehlt es in allen Bereichen an Material, aber auch an Verpackungen. Foto: sveta/stock.adobe.com
Auf dem Bau fehlt es in allen Bereichen an Material, aber auch an Verpackungen. Foto: sveta/stock.adobe.com

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Leere Regale im Handel, unbestimmte Lieferzeiten und steigende Preise – auf dem Bau gehen die Materialien aus, auf den Baustellen kommt es zu Verzögerungen. Es drohen Baustopps, Bauherren sind verunsichert und befürchten am Ende Betriebsschließungen.

Reiner Schmid, Leitung Produktmanagement, Technische Dienstleistung und Bauberatung bei Baumit stellt sich unseren Fragen zum Materialengpass aus der Sicht eines Herstellers.

 

»Der Wunsch ist groß, Lager zu füllen und Puffer zu bilden – irgendwie.«

 

Mappe: Wie stellt sich die aktuelle Situation in der Produktion von Baumit dar: Welche Rohstoffe sind derzeit am schwersten am Markt zu bekommen bzw. wo dauert die Beschaffung am längsten?

Reiner Schmid: Aktuell liegt der größte Engpass bei petrochemischen Erzeugnissen. Eine Vielzahl von weltweiten Force Majeure Meldungen, aber auch der ungebremste Wirtschaftsaufschwung in China verursachen eine Verknappung und Verteuerung in den Bereichen Flüssigdispersionen, Dispersionspulver, EPS, Titandioxid, Eimer und Folien. Leider zeigt sich zunehmend auch eine Verknappung bei Holzpaletten und erhöhte Lieferzeiten bei den Sackherstellern.

Mappe: Wie ist die Preisentwicklung der für Ihre Produktion wichtigsten Rohstoffe aktuell?

Reiner Schmid: In den letzten Wochen führten Kapazitätsreduzierungen im Vorprodukt für EPS- Dämmstoff – Styrol – zu gravierenden Erhöhungen der Preise am Markt. Der Kontraktpreis für Styrol ist in den letzten Monaten um ca. 65 Prozent gestiegen. Im Bereich der Dispersionen ist ein Anstieg um ca. 15 Prozent zu verzeichnen.

Mappe: Es gibt Stimmen, die behaupten, dass »einige Produzenten von Rohstoffen und Vorprodukten die Pandemie nutzen, um ihre Rendite zu verbessern«. Welche Erfahrungen haben Sie damit gemacht?

Reiner Schmid: Wir haben solche Erfahrungen bisher nicht gemacht, aber klar ist: Die Situation ist angespannt und kann sich auch noch eine Weile hinziehen. Da werden auch einzelne Aussagen schnell pauschaliert. Sicherlich ist gerade jetzt eine offene und ganz pragmatische Kommunikation zwischen Produzenten und Lieferanten entlang der gesamten Wertschöpfungskette nötig. Zum einen um Lieferengpässe so gut wie möglich abzumildern, zum anderen um genau solchen Aussagen auf den Grund zu gehen.

Mappe: Welche Möglichkeiten Engpässe auszugleichen gibt es? Besteht die Möglichkeit, alternative Produkte aus Rohstoffen herzustellen, die einfacher zu beschaffen sind? Falls ja, was kann durch was ersetzt werden?

Reiner Schmid: Zum Teil können Engpässe innerhalb des Produktportfolios ausgeglichen werden. Mit rechtzeitiger und guter Kommunikation im Team und zu den Kunden lassen sich Engpässe durch das Anbieten alternativer Produkte kurzzeitig überbrücken. So lassen sich manche pastöse Produkte, z. B. Spachtelmassen, durch mineralische Produkte ersetzen. Je länger solche Lieferengpässe jedoch andauern, desto schwieriger wird die Situation. Deshalb ist es wichtig, dass sich kurzfristig eine Entspannung insbesondere bei petrochemischen Erzeugnissen einstellt. Und nicht jeder Engpass lässt sich im Bau und Ausbau ausgleichen: Der Holzmangel kann binnen kurzer Zeit zu Verwerfungen in ganzen Gewerken führen, wenn beispielsweise Zimmerleute trotz voller Auftragsbücher durch Holzmangel in die Kurzarbeit gedrängt werden.

Reiner Schmid, Leitung Produktmanagement, Technische Dienstleistung und Bauberatung bei Baumit

Mappe: Wie sieht es mit Putzen, Farben und Dämmstoffen aus heimischen (nachwachsenden) Rohstoffen aus, boomen diese Produkte jetzt in punkto Lieferzeiten und Preisgestaltung?

Reiner Schmid: Viele unserer Produkte sind aus heimischen Rohstoffen, auch um Lieferzeiten und -wege möglichst kurz zu halten. Bezüglich Lieferzeiten ist die Versorgung mit solchen Produkten etwas einfacher. Zieht man einen Querschnitt durch die Branche, so nehmen wir wahr, dass die Nachfrage insgesamt außergewöhnlich groß ist. Das gilt für Produkte aus heimischen / nachwachsenden Rohstoffen wie auch für alle Anderen. Es hat sich auch gezeigt, dass sich aufgrund der Lieferengpässe manche Verarbeitungsgewohnheiten ändern können. Der Tenor ist aber eindeutig: Der Wunsch ist groß, Lager zu füllen und Puffer zu bilden – irgendwie.

Mappe: Wie sind Ihre Lieferzeiten in den Großhandel aktuell?

Reiner Schmid: Aktuell ist eine Belieferung im Wesentlichen noch ohne größere Verzögerungen möglich. Lediglich im Bereich der pastösen Produkte und EPS-Dämmstoffen kann es zu einzelnen Verschiebungen und Teillieferungen kommen.

Mappe: Wie ist die aktuelle Preisentwicklung Ihrer Produkte, also Dämmstoffe, Farben und Lacke, Putze etc.?

Reiner Schmid: Trotz intensivster Bemühungen konnten wir die uns entstanden Mehrkosten nicht kompensieren und sind deshalb gezwungen in einzelnen Produktbereichen die Preise zu erhöhen. Dies gilt besonders für EPS-Fassaden-Dämmstoffe (grau/weiß) / EPS-KellerTherm-Dämmstoffe Sockel- und Perimeter-Dämmstoffe Farben und pastöse Putze und Grundierungen.

Mappe: Wie ist die Prognose bei Baumit – wann und wie wird sich die derzeitige Lage ändern, wann ist eine Beruhigung in Sicht?

Reiner Schmid: Aus heutiger Sicht ist davon auszugehen, dass in Europa ab dem 3. Quartal dieses Jahres eine leichte Entspannung der Lage eintreten kann. Diese Annahme fußt auf dem Wissen, dass bis dahin der Auftragsstau in Asien abgearbeitet sein wird und der Tatsache, dass aktuell angestoßene Produktionsverlagerungen im Bereich der Sekundärrohstoffe die Engpässe dämpfen werden. Zudem ist davon auszugehen, dass sich die Handelsbeziehungen der USA und Kanada, gerade in Bezug auf Holzlieferungen, wieder normalisieren werden.

Dieses Interview erschien in gekürzter Form in der Printausgabe der Mappe 07/2021.