17. Mai 2021

Ausbildung in der Pandemie – Wie digital muss Bildung werden?

Ausbildung in der Pandemie – Wie digital muss Bildung werden?
Der »VirtualPaint« Spritzlack-Simulator simuliert eine reale Spritzlackierung. Foto: Claus Weyer – Malerinnung Saarland

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Im Handwerk ist der Rückgang neuer Ausbildungsverträge mit einem Minus von 7,5 Prozent moderat ausgefallen. Um die fehlenden Möglichkeiten zu kompensieren, haben die Handwerkskammern, Kreishandwerkerschaften, Innungen sowie Innungs- und (Zentral-) Fachverbände des Handwerks ihre digitalen Berufsorientierungsangebote weiter ausgebaut.

Ihre Mitgliedsbetriebe werden u.a. mit Social Media Kampagnen und virtuellen Einblicken in die Berufsausbildung und im Einstellungsprozess unterstützt. Auch Carsten Mensinger, Geschäftsführer der Malerwerkstätten Mensinger GmbH, nutzt digitale Kanäle, um neue Azubis zu werben: »Wir versuchen neue Wege zu gehen und erarbeiten ein Konzept, den Beruf auch in den Sozialen Medien zu präsentieren. Das Medium Handy wird immer wichtiger und erreicht die jungen Menschen deutlich schneller. Vorstellungsgespräche über Videokonferenzen sind inzwischen Normalität und werden auch von den jungen Menschen gut angenommen.« Von der Politik wünscht sich der Unternehmer, dass das Handwerk stärker gefördert wird: »Berufsschulen müssen besser mit digitalen Medien ausgestattet und stärker darin geschult werden. Jede*r Schüler*in müsste die gleichen Lernmittel für Onlineunterricht zur Verfügung gestellt bekommen, um keine Nachteile in der Ausstattung zu erhalten. Berufsschullehrerinnen und -lehrer müssen auf die neuen Plattformen geschult und Lernmaterial dafür zur Verfügung gestellt werden. Eine Anpassung des Lehrplanes zu Coronazeiten wäre sinnvoll.«

Wie die Umsetzung digitaler Maßnahmen aussehen können, zeigen die Städtischen Beruflichen Schulen Farbe und Gestaltung in München. Dort gibt es die Möglichkeit, externe Ausbilder*innen per Lifestream-Video im Präsenzunterricht zuzuschalten. Im Saarländischen Ausbildungszentrum der Maler- und Lackierinnung können Azubis mit dem angeschafften Spritzlack-Simulator »Virtual Paint« reale Spritzlackierungen simulieren. Die Azubis erhalten sofort Angaben zu Lackdicke, Transfereffizienz, Pistolenhandhabung und Lackkosten.

Die Digitalisierung ermöglicht viele neue Wege, um Lehrinhalte – nicht nur in Pandemiezeiten – an die Auszubildenden heranzubringen. Zudem bringt sie weitere Vorteile: Schulleiterin der Städtischen Beruflichen Schulen Farbe und Gestaltung, Miriam Meier, berichtet etwa, »dass sich gerade schüchterne und lernschwächere Schüler*innen im Online-Unterricht besser zeigen und einbringen konnten, als im Klassenzimmer.« Aber wie weit fortgeschritten ist die Digitalisierung in den Berufsbildungsstätten aktuell? Und wo liegen die Grenzen der digitalen Bildung? Prof. Dr. Michael Heister, Leiter der Abteilung 4 »Initiativen für die Berufsbildung« beim Bundesinstitut für Berufsbildung (BIBB), liefert im Mappe-Interview Antworten.

 

»Die analogen Erfahrungen auf realen Veranstaltungen und im Praktikum lassen sich nicht digital ersetzen.«

 

Mappe: Wie hat sich der digitale Unterricht in der Berufsausbildung im Laufe des Pandemiejahres entwickelt?

Prof. Heister: Wir vom BIBB können hauptsächlich über die Überbetrieblichen Berufsbildungsstätten ÜBS berichten. Seit 2016 läuft beim BIBB das »Sonderprogramm zur Digitalisierung überbetrieblicher Berufsbildungsstätten«, wobei den ÜBS insgesamt 224 Mio. Euro an Fördermitteln des Bundesministeriums für Bildung und Forschung auch für die Beschaffung digitaler Ausstattung zur Verfügung gestellt werden, seien es 3D-Drucker, digitale Prüf- und Messsysteme, aber auch digitale Lernmittel wie Tablets und Virtual-Reality-Brillen. Das war ganz klar ein Vorteil in Pandemiezeiten. Die Berufsschulen sind in der Regel schlechter aufgestellt als die ÜBS, was die Digitalisierung angeht, aber es gibt große Unterschiede. Ein Beispiel: Nur wer schon vor Pandemiebeginn Lernplattformen im Einsatz hatte, konnte diese auch effizient und adhoc nutzen. Es ist insgesamt ein Herantasten, wie in anderen schulischen Bereichen auch. Was die Ausstattung der Azubis mit mobilen Endgeräten angeht (z. B. Smartphones, Laptops) ist sehr von der Betriebsgröße abhängig. Manche nutzen mobile Endgeräte übrigens auch als Anreiz bei der Azubi-Rekrutierung.

Mappe: Wie sind die Rückmeldungen der Bildungsträger, was läuft beim Unterrichten in Pandemiezeiten gut, was braucht es?

Prof. Heister: Die Leitungen der ÜBS berichten, dass es eine Herausforderung und schwierig sei, denn sie müssten nun plötzlich sämtliche Inhalte online unterrichten, was sie vorher so noch nicht gemacht hätten. Wie gut das funktioniert, hängt sehr stark vom Ausbaugrad der Digitalisierung ab und natürlich den methodisch-didaktischen Kompetenzen der Lehrenden. Immerhin ist in den ÜBSsen in der Regel eine gute Netzanbindung vorhanden. Auch die Einhaltung der Hygienevorschriften seien herausfordernd und führen aufgrund der kleineren Klassen zu erhöhten Kosten je Auszubildenden, sagen die ÜBS-Leitungen. Berufsschulunterricht mit angeschlossenem Internat sorgt ebenfalls für wirtschaftliche Probleme, da aufgrund der Vorschriften die Zimmer nur noch einzeln belegt werden können. Für den Baubereich werden diese wirtschaftlichen Probleme durch höhere Erstattungssätze der SOKA Bau kompensiert.

Mappe: Wo sind die Grenzen der digitalen Bildung in den Berufsschulen und überbetrieblichen Ausbildungsstätten?

Prof. Heister: Die Grenzen sind da, wo die Haptik beginnt. Nehmen wir die Simulation von Schweißen mit der Unterstützung von VR-Brillen. Das funktioniert gut, weil die Lernenden damit eine ruhige Handhaltung üben können. Aber nur einen Controller statt eines Schweißgerätes in der Hand zu halten, ist ein großer Unterschied. Im Maler- und Lackiererbereich wurde im Rahmen des Sonderprogramms ÜBS-Digitalisierung ein Spritzlack-Simulator »VirtualPaint« angeschafft. Mit dessen Hilfe können Azubis im Ausbildungszentrum der Maler- und Lackiererinnung des Saarlandes reale Spritzlackierungen simulieren. Das System zeigt unmittelbar eine objektive Analyse der Spritzergebnisse, wodurch Fehler erkannt und behoben werden können. Die Azubis erhalten sofort Angaben zu Lackdicke, Transfereffizienz, Pistolenhandhabung und Lackkosten. Zudem lassen sich die Ergebnisse speichern – dies ermöglicht das Vergleichen und Verfolgen der eigenen Leistungen. Doch auch hier sind die Grenzen die Haptik, denn statt der Spritzpistole halten die Azubis die Controller in den Händen. Dennoch lässt sich mittels virtueller Realität als einer Form der digitalen Bildung enorm viel vermitteln und die Entwicklung geht rasant voran.

Mappe: Wie entwickelt sich das Ausbildungsniveau bei den Azubis, die 2020 und 2021 ihre Gesellenprüfung machten oder machen gegenüber der Zeit vor der Pandemie?

Prof. Heister: Dazu gibt es leider keine haltbaren Angaben, denn die Prüfungen obliegen ja den Handwerkskammern und eine zentrale Notenerfassung gibt es nicht. Das BIBB hat kurz nach Beginn des ersten Lockdowns eine Umfrage unter 1343 Betrieben aus 18 ausgewählten Berufen gestartet, in die dann kurzerhand noch Fragen zur Pandemiesituation aufgenommen werden konnten. Die Umfrage ist allerdings nicht repräsentativ. Eine Frage an die Betriebe war, wie der ausgefallene Berufsschulunterricht kompensiert werden konnte? Die Betriebsinhaberinnen und Betriebsinhaber gaben an, dass sie dies in den überwiegenden Fällen in den Betrieben kompensieren konnten – vorausgesetzt die Azubis waren nicht im Homeoffice und die Aufgaben aus dem Berufsschulunterricht waren übermittelt worden. Die Frage ist, wie systematisch diese Hilfe war?

 Prof. Dr. Heister beleuchtet den Status Quo der digitalen Bildung. Foto: Privat

Mappe: Was brauchen die Ausbildungsbetriebe in Pandemiezeiten um eine adäquate Ausbildung zu gewährleisten?

Prof. Heister: Die Betriebe müssen vor allem flexibel sein. So haben Friseure im Lockdown mit ihren Azubis in den Friseursalons geübt. Wir vom BIBB wünschen uns schon länger eine gute digitale Grundversorgung für eine gut funktionierende Lernortkooperation zwischen Betrieben und Berufsschulen. Eine digitale Vernetzung wäre sehr wichtig, das zeigt sich jetzt. Auch wenn es in den einzelnen Bundesländern sehr unterschiedliche Regelungen gibt, so bietet die Pandemie jetzt die Möglichkeit für eine Bestandsaufnahme und die Chance, die Lernortkooperation über digitale Vernetzung zu forcieren.

Mappe: Welche Folgen sind durch die Einschränkungen infolge der Pandemie für die Ausbildungsreife von Schulabgängern schon jetzt spürbar?

Prof. Heister: Die Ausbildungsreife ist ja schon länger ein großes Thema. Die Schulabgängerinnen und Schulabgänger nach dem ersten Lockdown haben ja zwischen März und Schuljahresende nicht so viel versäumt und bei den diesjährigen Abschlussklassen in Pandemiezeiten ist die Entwicklung der Ausbildungsreife noch nicht absehbar. Um Aussagen machen zu können, ist es noch zu früh.

Mappe: Wie sollen Schülerabgängerinnen und Schulabgänger den Einstieg in eine Berufsausbildung finden ohne Berufsinformationsveranstaltungen, Praktika oder Ausbildungsmessen?

Prof. Heister: Das ist in der Tat ein großes Problem. Wir haben das kürzlich in der Sitzung des Hauptausschusses beim BIBB diskutiert. Die analogen Erfahrungen auf realen Veranstaltungen und im Praktikum lassen sich nicht digital ersetzen. Dennoch sollten Innungen und Kammern virtuelle Angebote offerieren als kleinen Ersatz. Die Eltern der Schulabgänger könnten vielleicht über Kampagnen erreicht werden, die jungen Menschen eher über soziale Medien. Hier ist zu beachten, dass bei den 16- bis 25-Jährigen Instagram keine große Rolle mehr spielt, sondern vielmehr der Messengerdienst TikTok. Am besten ist es, die Posts, Videos etc. hierfür von Azubis machen zu lassen.

Mappe: Gibt es aufgrund der Erfahrungen der Pandemie Pläne, die duale Ausbildung grundsätzlich zu verändern?

Prof. Heister: Bei der letzten Modernisierung des Berufsbildungsgesetzes wurde im Kern nichts geändert. Das System hat sich bewährt, auch in der Pandemie. Wenn es jetzt mit der Lernortkooperation voranginge, wäre das eine Optimierung.

Mappe: Wie wird das Lernen/die Ausbildung in den Berufsschulen und Betrieben in Zukunft aussehen?

Prof. Heister: Leider habe ich keine Glaskugel, aber ich bin sehr optimistisch. Ich denke, wir werden nicht alles verlieren, was wir uns in der Pandemiezeit jetzt im Hinblick auf digitales Lernen aufgebaut haben. Die ÜBS-Leitungen sagen, dass sie auch weiterhin virtuelles Lernen anbieten wollen, dort wo es Sinn macht und es sich lohnt. Das ist insbesondere in der Meisterausbildung der Fall. Ich würde schätzen, dass wir, wenn wir in fünf Jahren zurückblicken, in den Berufsschulen und ÜBSen 10 bis 20 Prozent digitales Lernen beibehalten haben werden. Digitales Lernen hat vielfach den unschlagbaren Vorteil, wenn es zeit- und ortsunabhängig ist.

Dieses Interview erschien in gekürzter Form in der Printausgabe der Mappe 05/2021.