01. April 2021

Mehr Schwarzarbeit in Zeiten von Corona

Mehr Schwarzarbeit in Zeiten von Corona
Schwarzarbeit hat in Pandemiezeiten zugenommen. Foto: Holger Luck/stock.adobe.com

In der Pandemie hat die Schwarzarbeit deutlich zugenommen. Grünenpolitikerin Beate Müller-Gemmeke sieht auch das Chaos bei der Auszahlung der staatlichen Corona-Hilfen als einen Faktor, der die Schwarzarbeit befördert. Dagegen geht der Staat mit der Zolleinheit Finanzkontrolle Schwarzarbeit (FKS) vor.

 

Die Süddeutsche Zeitung zitiert den IG BAU-Chef Robert Feiger: »Es ist klar, dass die Pandemie an der Finanzkontrolle Schwarzarbeit nicht spurlos vorbeigeht. Bei Visiten auf Baustellen müssen Abstands- und Hygieneregeln eingehalten werden, Beamte im Home-Office ermitteln häufiger nach Aktenlage.« Laut Zoll zeigten die Jahresergebnisse des FKS von 2020 trotz erschwerter Bedingungen während der Corona-Pandemie Ermittlungserfolge: »Die Finanzkontrolle Schwarzarbeit (FKS) hat über 100.000 Strafverfahren und über 57.000 Ordnungswidrigkeitsverfahren eingeleitet. Im Rahmen ihrer Ermittlungen hat die FKS Schäden in der Gesamthöhe von rund 816 Milliarden Euro aufgedeckt.«

Prof. Dr. Bernhard Boockmann, Wissenschaftlicher Direktor am Institut für Angewandte Wirtschaftsforschung (IAW) e.V. Tübingen, gibt eine Einschätzung der Situation im Interview.

 

»Für 2021 haben wir insgesamt einen Rückgang der Schattenwirtschaft errechnet.«

Mappe: Herr Prof. Dr. Boockmann, wie hat sich die Schwarzarbeit im Bausektor in der Pandemie entwickelt, auch vor dem Hintergrund des Fachkräftemangels?

Prof. Boockmann: In der Gesamtwirtschaft ist die Schwarzarbeit gestiegen, vor allem, weil viele ihr gesunkenes Einkommen durch Schwarzarbeit aufbessern mussten oder wollten. Die Bauwirtschaft ist relativ gut durch die Krise gekommen, es gab keinen Abbau der gemeldeten Beschäftigung. Möglicherweise hat hier eine günstige Sonderkonjunktur darauf hingewirkt, dass Erwerbstätige, die in anderen Bereichen freigesetzt wurde, hier schwarz Leistungen angeboten haben. Systematische Evidenz haben wir dazu allerdings nicht.

Mappe: Wie beurteilen Sie die Aktion einer Friseurin, die in Teilzeit arbeitet und mit Kurzarbeitergeld ihre Ausgaben nicht bestreiten kann und die auf Nachfrage im Lockdown schwarz Haare schneidet?

Prof. Boockmann: Bei allem Verständnis für die wirtschaftliche Notsituation: Unter dem Gesichtspunkt der Pandemiebekämpfung ist dies kein akzeptables Verhalten, vor allem nicht seitens der Kundinnen und Kunden. Die Politik hat reagiert und die Frisörsalons ab 1. März wieder geöffnet. Das wurde oft kritisiert, ist aber aus pragmatischer Sicht sinnvoll, um Schwarzarbeit und Infektionsrisiken zu begegnen.

Mappe: Wie wird sich die Schattenwirtschaft nach der Pandemie entwickeln?

Prof. Boockmann: Es kommt stark darauf an, wie schnell sich die legalen Verdienstmöglichkeiten wieder verbessern. Das ist derzeit noch nicht gut abzusehen. Für 2021 haben wir insgesamt einen Rückgang der Schattenwirtschaft errechnet. Das wird aber vor allem davon getrieben, dass der Solidaritätszuschlag entfällt, so dass die Beschäftigten mehr Netto vom Brutto haben.

 Prof. Dr. Bernhard Boockmann. Foto: IAW

Mappe: Was halten Sie von Tauschringen oder Nachbarschaftshilfe – dazu heißt es ja, dass es keine Schwarzarbeit ist, wenn keine Zahlung vereinbart wurde und sich die Vergütung im Rahmen hält?

Prof. Boockmann: Wenn es nicht auf regelmäßigen Erwerb gerichtet ist, ist das keine Schwarzarbeit und damit in Ordnung.

Mappe: Ganz allgemein, was sind die größten Schwierigkeiten bei der Bekämpfung der Schwarzarbeit?

Prof. Boockmann: Eine allgemeine Antwort gibt es nicht, weil die Begehungsformen so unterschiedlich sind. Sprechen wir über eine Art organisierter Kriminalität, wie manchmal in der Bauwirtschaft oder wird nur die Reinigungskraft im Privathaushalt schwarz beschäftigt? Entsprechend unterschiedlich muss der Zoll vorgehen. Im einen Fall muss ermittelt und geahndet werden, im anderen sollte die Politik die Anreize zur Schwarzarbeit vermindern.

Mappe: Verdi fordert 20.000 neue Stellen bei der Finanzkontrolle Schwarzarbeit (FKS). Ist das die Lösung, die Schattenwirtschaft einzudämmen?

Prof. Boockmann: Oft ist nicht die Anzahl der Stellen das Problem, sondern die Besetzung der Stellen. Neben mehr Personal bräuchte die FKS auch eine bessere Ausstattung der dort Beschäftigten. Auch wird schon lange an der Verbesserung der Datenbank gearbeitet, noch immer nicht mit durchschlagendem Erfolg. Insgesamt sollte die FKS einer externen Wirkungskontrolle unterzogen werden.

Mappe: Welche Steuerungswerkzeuge der Regierung könnten ganz generell helfen, der Schwarzarbeit ihren Reiz zu nehmen?

Prof. Boockmann: In erster Linie alles, was legale Erwerbsarbeit attraktiver macht. Ein Arbeits- und Sozialrecht, das Sicherheit gibt, aber Arbeit nicht zu sehr belastet. Und ein Steuerrecht, das auch gezielt dort entlastet, wo der Anreiz zur Schwarzarbeit hoch ist.

Dieses Interview erschien in gekürzter Form in der Printausgabe der Mappe 04/2021.