30. Januar 2021

Gute Raumluft!

In Zeiten von Corona ist die Innenraumlufthygiene wichtiger denn je. Foto: fizkes / stock.adobe.com

Gerade in der kalten Jahreszeit halten wir uns die meiste Zeit des Tages in Innenräumen auf. Gesunde Raumluft ist jetzt besonders wichtig für das Wohlbefinden – gerade auch vor dem Hintergrund der Corona-Pandemie. Lesen Sie im Interview mit Dipl. Biomath. Anja Daniels vom Umweltbundesamt im Fachgebiet Innenraumhygiene u. a. ihre Meinung zum mobilen Luftreiniger, auf was bei der Errichtung von Neubauten geachtet werden sollte und welche Aspekte Handwerker in Hinblick auf die Virenminimierung in Fortbildungen lernen sollten.

Mappe: Was sind derzeit die häufigsten Fragen, mit denen Menschen an das Umweltbundesamt herantreten und was antworten Sie darauf?

Anja Daniels: Am häufigsten erreicht uns derzeit (November/Dezember 2020) die Frage, ob sich die Anschaffung eines mobilen Luftreiniger lohnt. Wie effizient sind diese Geräte und ob wir sie empfehlen. Ein Dauerbrenner unter den Anfragen ist auch nach wie vor das Thema Schimmel, welcher meist durch erhöhte Feuchte in Innenräumen entsteht.

Mappe: Was sagen Sie den Menschen dazu bzw. wo gibt es Antworten beim UBA?
A. Daniels: Wir antworten in solchen Fällen, dass wir mobile Luftreinigungsgeräte nur unter bestimmten Bedingungen empfehlen und wenn sollen sie auch nur ergänzend zur Lüftung eingesetzt werden.
Auf unseren Internetseiten finden Bürgerinnen und Bürger viele Antworten zum Thema SARS-CoV-2 und der Verbreitung im Innenraum, sowie Reduzierungsmaßnahmen für das Infektionsrisiko. Aber auch zu weiteren innenraumrelevanten Fragen finden sie Antworten auf unseren Internetseiten und in unseren Broschüren. Für Probleme mit Schimmel hat das UBA z. B. einen eigenen Schimmelleitfaden erstellt. Zu weiteren häufig wiederkehrenden Fragen erstellen wir FAQ Antworten.

Mappe: Wohngesundheit beginnt optimaler Weise bei der Gebäudehülle, auf was sollte generell bei der Errichtung von Neubauten geachtet werden?
A. Daniels: Aus Sicht der Innenraumlufthygiene ist es zentral, bereits bei der Planung von Neubauten bzw. Sanierungen zwei Aspekte zu berücksichtigen: 1) Lüftung, 2) Einbau emissionsarmer Bauprodukte. Vor Errichtung eines Gebäudes ist es äußerst sinnvoll, bereits bei der Planung ein Lüftungskonzept zu erarbeiten, um einen hygienischen Mindestluftwechsel gewährleisten zu können. Der Mindestluftwechsel kann über technische Lüftungsanlagen und/oder über Lüften durch Fenster erreicht werden. In dicht belegten Räumen von Bildungseinrichtungen kann der Mindestluftwechsel erfahrungsgemäß nur über technische Lüftungsanlagen gewährleistet werden.
Darüber hinaus sollten emissionsarme und möglichst geruchsarme Bauprodukte verwendet werden. Eine gute Orientierung bieten bei der Produktwahl die mit dem Umweltzeichen Blauer Engel gekennzeichneten Produkte, denn sie sind emissions- und schadstoffarm und erfüllen zugleich hohe Ansprüche an den Gesundheits- und Arbeitsschutz sowie die Gebrauchstauglichkeit

Mappe: Welche Auflagen wären in Bestandsgebäuden im Sinne der Nachrüstung oder Sanierung sinnvoll?
A. Daniels: Wichtig ist, dass die Raumluft die Gesundheit des Nutzers oder der Nutzerin nicht beeinträchtig. Deshalb sind Auflagen sinnvoll, die dies gewährleisten. Das kann Auflagen für die Lüftung betreffen oder für das Einbringen von emissionsarmen Produkten in den Raum.
Es gibt verschiedene Zertifizierungsverfahren für Gebäude, die Auflagen enthalten, die eine gute Raumluftqualität über den Lebenszyklus gewährleisten sollen. So gibt es z. B. das Bewertungssystem Nachhaltiges Bauen für Bundesgebäude (BNB) des Bundesbauministeriums. 

Mappe: Welche Auflagen zur Raumlufthygiene sollten mit den Erkenntnissen der Pandemie künftig in der Baugesetzgebung festgeschrieben werden?
A. Daniels: Die Baugesetzgebung ist Aufgabe der Länder, sodass der Bund hier nur sehr begrenzt eingreifen kann. In der Musterbauordnung wäre es sinnvoll, Auflagen zu Lüftungskonzeptionen mit Kennwerten einfließen zu lassen. Z. B. zu garantierten Luftwechselraten oder die Einhaltung von Grenzwerten zu innenraumrelevanten Schadstoffen. Das bedeutet aber nicht, dass die Bundesländer diese Auflagen übernehmen müssen.

Mappe: Belastete Raumluft ist ja schon länger ein Thema, welche Problematiken standen vor der Corona-Pandemie im Fokus und sind nach wie vor aktuell?
A. Daniels: Diese Frage ist nicht ganz einfach zu beantworten, weil es abhängig davon ist, welche Räumlichkeiten betrachtet werden. Zu hohe Kohlendioxidkonzentrationen in Klassenräumen stellten bereits vor der Pandemie ein Problem dar und sind nach wie vor aktuell. Mit Blick auf die Lüftungsempfehlungen für Klassenräume, die während der Pandemie erarbeitet wurden, könnte dem Problem entgegengewirkt werden, wenn durch diese Lüftungsempfehlungen ein Bewusstsein für effektives Lüften entwickelt wird.
Werden private Haushalte betrachtet, so steht die Schimmelbelastung weiterhin im Fokus. Aber auch Substanzen wie Weichmacher, die in vielen Oberflächen und flexiblen Fußbodenbelägen eingesetzt werden, stellen einen Schwerpunkt beim Thema Innenraumhygiene dar, der nicht durch die Pandemie gelöst ist

Mappe: Auf was sollten Verbraucherinnen und Verbraucher bei der Gestaltung ihrer Räume generell achten, im Sinne von Indoor-Air-Care, also der Raumlufthygiene?

A. Daniels: Verbraucherinnen und Verbraucher sollten darauf achten, dass möglichst wenige zusätzliche Substanzen in die Raumluft eingebracht werden. Das heißt es sollte darauf geachtet werden, dass emissionsarme Bauprodukte beim Bauen verwendet werden oder dass die Räumlichkeiten mit Möbeln ausgestattet werden, die geringes Emissionsverhalten aufweisen. Um solche Produkte zu erkennen, gibt es Umweltzeichen wie z. B. den Blauer Engel oder das Eco Label. Auf Raumbeduftungen sollte verzichtet werden. Aktivitäten, bei denen Substanzen in hohen Konzentrationen in die Raumluft abgegeben werden, z. B. beim Rauchen, sollten nach Möglichkeit an die Außenluft verlegt werden. Weiter sollte beim Reinigen auf die richtige Dosierung der Reinigungsmittel geachtet werden, um nur einige Maßnahmen zu nennen.

Mappe: Welche speziellen Inhalte müssten Fortbildungen für Handwerker und Planer in Bezug auf die Gestaltung von Innenräumen im Hinblick auf die Minimierung der Virenverbreitung lehren?
A. Daniels: Für Handwerker ist es wichtig, zu wissen welche chemischen Substanzen in den Produkten vorliegen und welche gesundheitlichen Gefahren davon ausgehen können. Hierbei ist es wichtig, den Fokus nicht nur auf die Anwendung zu legen, sondern auch auf das Emissionsverhalten nach Anwendung. Auch sollten mögliche Reaktionen im Zusammenspiel mehrerer Produkte gelehrt werden.
Nach den Erfahrungen der Covid-19-Pandemie muss in Zukunft einer Verbreitung von Viren über die Innenraumluft mehr Beachtung geschenkt werden. Dies ist besonders kritisch in dicht belegten Innenräumen wie Klassenzimmern, Kultur- und Veranstaltungsräumen. Hier muss bei der Gestaltung der Räume darauf geachtet werden, dass genügend (virenfreie) Frischluft zugeführt wird. In Abwesenheit einer Lüftungsanlage sollte eine wirksame Querlüftung oder Stoßlüftung möglich sein. Verbrauchte Luft und aerosolgebundene Viren sollten nicht über die Klimaanlage in andere Räume weiterverbreitet werden. Bereits bei der Planung der Raum- und Lüftungsparameter sollte Sorge dafür getragen werden, dass sich virentragende Aerosolpartikel nur begrenzt ausbreiten können.

Mappe: Vielen Dank für das informative Gespräch!

Das Umweltbundesamt bietet auf seiner Homepage diverse Publikationen zum kostenlosen Download zum Thema Innenraumlufthygiene an.