27. Januar 2021

Flexibel arbeiten

Befeuert durch die Pandemie ist die Zeit reif, verstärkt über flexible Arbeitszeitmodelle nachzudenken. Foto: Vitalii Vodolazskyi / stock.adobe.com

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Immer mehr Mitarbeiter wünschen sich flexible Arbeitszeitmodelle. Solche betrieblichen Regelungen kommen nicht nur den Lebenslagen und -bedürfnissen der Beschäftigten zugute, auch die Betriebe profitieren davon. Lesen Sie im Interview dazu die Meinung von Dr. Angelika Kümmerling, Universität Duisburg-Essen.

Mappe: Frau Dr. Kümmerling, im Sommer 2020 hatten sich Vertreter der IG Metall und der Linken für die Einführung einer Vier-Tage-Woche ausgesprochen. Bundesarbeitsminister Hubertus Heil zeigte sich offen. Ist die Zeit reif für eine Vier-Tage-Woche auf nationaler Ebene und wie wirkt sich die Pandemie auf diese Forderung aus?

Dr. Kümmerling: Die Zeit ist reif noch stärker über flexible Arbeitszeitmodelle nachzudenken und die Pandemie hat gezeigt, dass mehr flexibles Arbeiten möglich ist. Gleichzeitig ist die Ungleichverteilung der Arbeitszeitbedarfe durch die Pandemie offensichtlicher geworden: Viele Arbeitskräfte machen Überstunden, während andere in Kurzarbeit gehen mussten.
Ich denke, die Zeit ist reif für »Wahlarbeitszeiten« und finde auch den Vorschlag generell über kürzere Arbeitswochen nachzudenken sinnvoll. Die Frage ist, ob es die Vier-Tage-Woche sein muss und in welcher Form? Geht es dabei um eine Verkürzung der Arbeitszeit oder um eine Umverteilung der vollen Arbeitszeit auf vier Tage? Oder ist es nicht zielführender, verkürzte Arbeitszeiten von sagen wir 32 bis 36 Stunden auf fünf Tage zu verteilen? Für Berufstätige mit Kindern kann ein solches Modell sinnvoll sein, um z. B. die Kita-Zeiten besser abdecken zu können. Zudem darf nicht vergessen werden, dass die Einführung einer Vier-Tage-Woche viel Umorganisation für die Unternehmen bedeutet.

Mappe: Wie hoch schätzen Sie den Flexibilisierungsbedarf bei den Arbeitszeiten in deutschen Unternehmen ein?

Dr. Kümmerling: Es besteht ein großer Bedarf an flexiblen Arbeitszeiten in den Unternehmen, wobei Arbeitgeber und Arbeitnehmer hier häufig unterschiedliche Vorstellungen haben. Der statistische Verlauf der Arbeitszeiten zeigt, dass diese zurückgehen und in den letzten Jahren immer heterogener geworden sind. Hintergrund sind demografischer und struktureller Wandel. Immer mehr Frauen und Mütter sind erwerbstätig und sie kehren auch nach der Geburt eines Kindes schneller wieder an den Arbeitsplatz zurück, häufig auch mit höheren Arbeitszeiten. Aber auch bei Männern ist ein verändertes Verhalten in Bezug auf die Arbeitszeitgestaltung festzustellen: Sie möchten mehr familiäre Verantwortung übernehmen und sollen das auch tun können. Es gilt, die Arbeitszeiten in Abhängigkeit der täglichen Zeitbedarfe aber auch in Abhängigkeit der Lebensphasen flexibler zu gestalten.

Mappe: Einige Studien beschreiben, dass Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer, die vier Tage in der Woche mit verringerter Stundenzahl arbeiten, produktiver sind als solche mit einer Fünf-Tage-Woche. Wie sind Ihre Erkenntnisse?

Dr. Kümmerling: Eine erhöhte Produktivität bei reduzierter Arbeitszeit birgt immer die Gefahr der Arbeitsverdichtung, denn das Arbeitspensum bleibt ja gleich. Das führt zu Stress und ist auf Dauer ungesund. Somit stellt sich die Frage, ob die Beschäftigten auf lange Sicht wirklich effektiver arbeiten oder ob sie nur kurzfristig produktiver sind – und vor allem, welche langfristigen Folgen das auch für die Gesundheit und die Work-Life-Balance hat? Einige Untersuchungen zu Arbeitszeitreduzierungen zeigen kurzfristige Erfolge in Bezug auf die Effizienz, die dann wieder zurückgehen. Vorreiter-Unternehmen in der Vier-Tage-Woche wie Microsoft wollen daher eine zweite Testphase einführen. Dabei muss jedoch auch festgehalten werden, dass z. B. Microsoft nicht einfach nur den Freitag als Arbeitstag gestrichen hat, sondern auch Anstrengungen unternommen hat, um Teamsitzungen usw. zu verkürzen. Die Maßnahmen betrafen also sowohl die Arbeitszeit als auch die Arbeitsorganisation.

Mappe: In welchem Kontext macht die Vier-Tage-Woche Sinn, als Jahresarbeitszeitkonto, als flexible oder feste Wochenarbeitszeit und wie viele Stunden soll die Vier-Tage-Woche maximal betragen, damit es die gewünschten Effekte bringt?

Dr. Kümmerling: Die Arbeitszeitreduzierung muss zum Lebensumfeld und den familiären Gegebenheiten passen, deshalb ist es häufig schwierig ein One-fits-all Modell zu finden. Es ist vieles möglich und es gibt viele unterschiedliche Modelle. So kann beispielsweise auch die Anzahl der Urlaubstage erhöht und dabei in der Fünf-Tage-Woche weitergearbeitet werden. Das kann z. B. bei Vereinbarkeitsproblemen im familiären oder persönlichen Kontext helfen.

Ein interessantes Modell ist auch die am 1. Januar 2019 eingeführte »Brückenteilzeit«, mit der Beschäftigte befristet auf ein bis fünf Jahre in Teilzeit arbeiten und danach wieder auf Vollzeit zurückkehren können. Das gilt jedoch nur für Unternehmen mit mehr als 45 Beschäftigten.

Bei Arbeitszeitkonten muss gewährleistet sein, dass die angesparte Zeit auf dem Konto auch wirklich als Freizeit genommen werden kann. In der Praxis hat sich gezeigt, dass die so angehäuften Zeiten dann doch nicht immer zeitnah ausgeglichen werden können.

Ich halte arbeitnehmerorientierte flexible Wochenarbeitszeiten für am geeignetsten, um Stress zu reduzieren und private und berufliche Zeitanforderungen zu vereinbaren – mit der Option einer reduzierten Anzahl der Arbeitsstunden pro Tag. Unsere eigenen Analysen auf Basis des DGB-Index Gute Arbeit haben gezeigt, dass Beschäftigte, die zwischen 32,5 und 40 Stunden in der Woche arbeiten weniger Stress empfinden, als diejenigen, die länger als 40 Stunden pro Woche arbeiten – und interessanterweise auch als diejenigen, die weniger als 32 Stunden arbeiten. Außerdem sind sie erholter und fühlen sich weniger ausgebrannt als solche mit längeren Arbeitszeiten. Auch andere Studien zeigen einen Zusammenhang zwischen der Länge der Arbeitszeiten und der Gesundheit.

Mappe: In manchen Branchen, wie derzeit (noch) im Handwerk arbeiten die Mitarbeiter eher sechs Tage mit allen Überstunden, wenn es um den Arbeitsanfall geht. Psychische Erkrankungen infolge zunehmender Arbeitsintensität verstärken sich. Wie kann das Dilemma gelöst werden?

Dr. Kümmerling: Eine Arbeitszeitverkürzung, erst recht bei gleichzeitig vollen Auftragsbüchern bedeutet, dass die Arbeit umorganisiert werden muss. Das heißt, es müssen neue Mitarbeiter eingestellt werden. Die Verkürzung darf keinesfalls auf Kosten einer Arbeitszeitverdichtung geschehen. Auch darf dies nicht grundsätzlich mit einer Lohnreduzierung einher gehen, denn das geht nur für die, die viel verdienen. Ältere Arbeitnehmern können häufig eher auf Lohn verzichten; jüngere haben noch andere Pläne und brauchen das volle Gehalt zur Familiengründung, Hausbau usw. Das kann zu Konflikten in der Belegschaft führen.

Mappe: Wie sollen Unternehmer vorgehen, die sich die Einführung der Vier-Tage-Woche überlegen?

Dr. Kümmerling: Bei der geplanten Einführung neuer Arbeitszeitmodelle muss immer die ganze Belegschaft mitgenommen werden. In größeren Unternehmen sollte die Arbeitszeit kollektiv geändert werden, in kleinen Betrieben kann es auch individuelle Lösungen geben.

Es braucht eine Strategie, um festzulegen, wie die Kompensation der entfallenen Arbeitszeit bei einer Arbeitszeitverkürzung aussehen kann. Das hängt von der Branche und der Betriebsgröße ab. Müssen neue Mitarbeiter eingestellt werden oder kann im Schichtsystem oder mit rotierenden Anwesenheiten gearbeitet werden? Die Abläufe müssen so angepasst werden, dass die Verkürzung nicht zu dauerhaften Überstunden führt. Das gilt auch für den Chef.

Für das neue Arbeitszeitmodell sollte eine Probezeit eingeführt werden. In größeren Unternehmen können Pilotabteilungen eingerichtet werden. Nach einer Testphase sollten die Auswirkungen in einer Evaluierung überprüft werden. Schließlich gilt es die Kunden zu informieren, beispielsweise, wenn am Freitag nicht mehr gearbeitet wird. Ohne eine gute und realistische Personalbemessung gelingt auch das beste Arbeitszeitmodell nicht.