30. Dezember 2020

Mehr als ein Obstkorb

Frische Früchte zur freien Verfügung, das kann Teil eines Programms zu mehr Wohlfühlen im Betrieb sein. Foto: PhotoSG/stock.adobe.com

Wohlbefinden am Arbeitsplatz schafft Gesundheit und Motivation bei den Arbeitnehmern und erhöht sowohl die Produktivität als auch Innovationsfähigkeit eines Unternehmens. Gleichzeitig steigt die Attraktivität als Arbeitgeber. Lesen Sie im Interview die Meinung und Tipps zum Thema von Dr. Verena C. Haun, Juniorprofessorin für Occupational Health Psychology an der Johannes Gutenberg-Universität Mainz.

Mappe: Frau Prof. Haun, Wohlfühlen am Arbeitsplatz wird viel diskutiert, nicht zuletzt, um die begehrten Facharbeiter zu gewinnen. Wie sieht ein echter Wandel im Unternehmerdenken, also eine gesundheitsorientierte Führung aus?

Verena C. Haun: Da Arbeitsstress eine Mit-Ursache für viele psychische Erkrankungen sein kann und damit auch für krankheitsbedingte Fehlzeiten, lohnt es sich auf jeden Fall, zu schauen, wie man Arbeitsbedingungen so gestalten kann, dass sie nicht krank machen und im Idealfall zur Gesundheit beitragen. Führungskräfte spielen in diesem Prozess eine wichtige Rolle: Einerseits sind Führungskräfte auch Vorbilder und andererseits gestalten sie durch ihr Verhalten die Arbeitsumgebung ihrer Mitarbeiter, d. h. sie können Stressoren und Ressourcen reduzieren und erhöhen sowie Entwicklungsmöglichkeiten schaffen.

Mappe: Was motiviert Mitarbeiter in ihrem Arbeitsalltag am meisten?

V. C. Haun: Arbeit dient nicht nur der Sicherung des Lebensunterhalts, sondern auch der Befriedigung psychischer Grundbedürfnisse. Zu diesen Bedürfnissen gehören das Bedürfnis nach Autonomie, Kompetenz und sozialer Zugehörigkeit. Für Personen ist es wichtig, diese Bedürfnisse bei der Arbeit erfüllen zu können, z. B. durch ausreichende Handlungsspielräume, durch die Möglichkeit, ihre ganzen Fähigkeiten und Fertigkeiten sinnvoll einzusetzen und durch die Zusammenarbeit mit anderen Menschen. Grundsätzlich ist es so, dass man im Arbeitsalltag sogenannte Belastungen und Ressourcen unterscheiden kann. Während Belastungen uns Energie rauben und zu Beanspruchungen führen, wirken Ressourcen motivierend und helfen beim Umgang mit Arbeitsstress. Belastungen können ein hoher Zeitdruck, Konflikte im Team sein, stressige Kundeninteraktionen oder arbeitsorganisatorische Probleme (z. B. fehlendes Material, veraltete Werkzeuge); Ressourcen können Handlungsspielraum oder soziale Unterstützung sein. Da sich Belastungen oft nicht völlig vermeiden lassen, ist es wichtig, Ressourcen zu fördern.

Mappe: Wie können Wohlbefinden und Gesundheit im Arbeitsalltag erhalten und gefördert werden?

V. C. Haun: Erster Ansatzpunkt sollte immer die Arbeitsgestaltung sein, d. h., die Reduktion von unnötigen Belastungen und die Förderungen von Ressourcen. Ergänzend dazu können auch personenbezogene Maßnahmen für Wohlbefinden und Gesundheit sorgen, wie z. B. Stressmanagement-, Erholungs- oder Achtsamkeitstrainings. Einen Aspekt, den ich noch ganz wichtig finde, ist die Erholung von Arbeitsstress. Viele Personen nehmen die Arbeit auch gedanklich mit nach Hause, d. h., sie haben Schwierigkeiten, nach der Arbeit abzuschalten. Eine ausreichende Erholung ist aber auch wichtig für die Aufrechterhalten von Gesundheit und Wohlbefinden.

Mappe: Wie hat sich die Arbeitsmotivation und -zufriedenheit von Arbeitnehmern in den letzten zehn Jahren verändert und wie begründen Sie das?

Verena C. Haun: Insgesamt zeigt sich in Befragungen immer wieder eine stabile hohe Arbeitszufriedenheit. Eine Arbeitskräfteerhebung aus dem Jahr 2017, die vom statistischen Bundesamt veröffentlicht wurde, zeigt beispielsweise, dass 89 Prozent der Befragten zufrieden oder sehr zufrieden mit ihrer Arbeit sind. Wenn man sich hier die Ergebnisse nach Berufsgruppen anschaut, zeigt sich ein ähnliches Bild auch für Handwerksberufe. An dieser Stelle ist vielleicht zusätzlich auch ein Blick auf die Arbeitsunfähigkeitsstatistiken relevant. Hier zeigt sich, dass in den letzten 15 Jahren Arbeitsunfähigkeitstage aufgrund psychischer Erkrankungen, darunter auch Burnout-Erkrankungen, zugenommen haben.

Mappe: Wie wird das persönliche Wachstum der Mitarbeiter derzeit im Arbeitsalltag in den Unternehmen in Deutschland gefördert und was wäre wünschenswert?

V. C. Haun: Persönliches Wachstum bedeutet, dass Personen all ihre Fertigkeiten und Kompetenzen einsetzen und weiterentwickeln können. Weiterentwicklung ist im Arbeitsalltag möglich, wenn Personen herausfordernde Aufgaben haben und gleichzeitig mit genügend Ressourcen ausgestattet sind, um diese Herausforderungen auch zu lösen. Darüber hinaus kann Weiterentwicklung auch gezielt durch Trainings oder andere Personalentwicklungsmaßnahmen unterstützt werden. Insgesamt sind gut gestaltete Arbeitsplätze wünschenswert, die Hand in Hand gehen mit wohldurchdachten Personalentwicklungsmaßnahmen.

Mappe: Was raten Sie Führungskräften, die unsicher im Umgang mit ihren Mitarbeitern sind?

V. C. Haun: Führen Sie regelmäßige Gespräche mit Ihren Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern. Fragen Sie was gut läuft und was nicht und was Sie und/oder das Team tun können, damit es (weiterhin) gut läuft. Fragen Sie auch, welche Ziele Ihre Mitarbeiter haben und was Sie motiviert und versuchen Sie diese Punkte im Blick zu halten. Und vor allem: Zeigen Sie Wertschätzung und Anerkennung. Darüber hinaus kann es auch eine gute Idee sein, sein Wissen und seine Methoden-Werkzeugkiste durch entsprechende Weiterbildungen, Mentoring oder Coaching auszubauen.

Mappe: Vielen Dank für Ihre Antworten, Frau Prof. Haun.