06. Oktober 2020

Ausbilden in Corona-Zeiten

»Die COVID-19-Pandemie darf nicht zu einer Krise für die berufliche Zukunft junger Menschen werden. Alle Jugendlichen, die eine Karriere im Handwerk anstreben, sollen diese Möglichkeit auch bekommen«, appellierte ZDH-Präsident Hans Peter Wollseifer Anfang August. Der Hintergrund: Im Handwerk waren Anfang August bundesweit noch über 33.000 Ausbildungsstellen nicht besetzt.

Von Januar bis Juni 16,6 Prozent sind weniger neue Ausbildungsverträge abgeschlossen worden als im Vorjahreszeitraum. Im Juli lag die Zahl der Ausbildungsplätze, die Unternehmen den Arbeitsagenturen gemeldet haben, bei gut 499.000, 8,1 Prozent weniger als vor einem Jahr.
Auszubildende sind die Fachkräfte von morgen, die die Unternehmen in Deutschland dringend brauchen. Doch wie sieht Ausbilden in Zeiten der Pandemie aus? Prof. Jutta Rump vom Institut für Beschäftigung und Employability IBE (Ludwigshafen) beantwortet die Fragen der Mappe Redaktion.

Mappe: Frau Prof. Rump, wie beschreiben Sie die Lage in den Ausbildungsbetrieben zum Ausbildungsstart 2020, also in Zeiten der Pandemie?
Prof. Jutta Rump: Die Situation ist angespannt, viele Betriebe sind unsicher, ob sie ausbilden sollen und halten sich daher eher zurück, auch weil sie andere Themen wie das Überleben des Unternehmens auf der Agenda haben. Andererseits ist da die Unsicherheit in Bezug auf den Umgang mit den Pandemie-Regularien zum Schutz der Mitarbeiter und Azubis. So überlegt sich mancher Ausbilder, ob er die Ausbildung herunterfahren und doch besser erst im nächsten Jahr wieder ausbilden soll.

Mappe: Welche Unterstützung brauchen Ausbildungsbetriebe jetzt besonders, was raten Sie ausbildungswilligen Betrieben, die unsicher sind?
Prof. Jutta Rump: Es braucht auf jeden Fall finanzielle Unterstützung vom Staat, denn Ausbildung hat oberste Priorität. Das ist bestens investiertes Geld. Weil es viel Unsicherheit im Umgang mit den Hygienevorschriften gibt und auch Angst, als Verantwortlicher im Umgang mit den jungen Menschen etwas falsch zu machen, ist es wichtig, verlässliche und kompetente Ansprechpartnern zum Beispiel bei den Kammern zu haben.

Mappe: Was brauchen Azubis in der Ausbildung jetzt und was die, die gerade eine Ausbildung beginnen?
Prof. Jutta Rump: Auszubildende brauchen vor allem die Sicherheit, dass sie ihre Ausbildung in jedem Fall zu Ende bringen können. Es besteht die latente Gefahr der Insolvenz. Unternehmer sollten sich für so einen Fall Gedanken machen: Wer könnte die Azubis übernehmen – ein anderer Betrieb? Oder gibt es die Möglichkeit einer überbetrieblichen Ausbildung? Viele junge Menschen sind zutiefst verunsichert, denn sie haben ja noch keine Erfahrungen im Umgang mit Krisen so wie die ältere Generation. Nicht wenige haben Angstzustände und brauchen Stabilitätsfaktoren im Betrieb, zum Beispiel erfahrene Beschäftigte mit entsprechenden Sozialkompetenzen. Manchmal sind auch die Eltern in einer Angstschleife. Das überträgt sich natürlich auf die Kinder. Da kann es durchaus Sinn machen, die Eltern zu einem Infogespräch in den Betrieb einzuladen und ihnen zu zeigen, wie die Hygieneregeln etwa im Pausenraum umgesetzt werden.

Mappe: Wie beurteilen Sie die staatliche Ausbildungsprämie?
Prof. Jutta Rump: Hilfen und Prämien sind grundsätzlich hilfreich in Krisensituationen. Finanzielle Hilfen für die Ausbildung Jugendlicher, das ist eine ganz zentrale Investition des Staates. Sie helfen den Betrieben, Kosten zu sparen, so dass sie nicht als erstes überlegen, an der Ausbildung zu sparen und vielleicht nur einen statt wie geplant zwei Azubis einzustellen. Auch steuerliche Entlastungen können helfen, oder Einsparungen bei der Ausbildungsvergütung.

Mappe: Wo gibt es die größten Hindernisse und Unsicherheiten in der Ausbildung in diesen Zeiten?
Prof. Jutta Rump: Die größte Unsicherheit ist, ob der Ausbildungsbetrieb in drei Jahren noch existiert. Hinzu kommt eine starke allgemeine Verunsicherung der Auszubildenden selbst. Ein Hindernis ist auch, dass Ausbildung für die Betriebe erst mal teuer ist – wenn man an die ganze Infrastruktur denkt, die dafür notwendig ist. Und sie bringt den Betrieben erst zeitversetzt etwas, wenn der ausgelernte Azubi dann noch einige Zeit im Unternehmen bleibt.

Mappe: Wie kann dennoch eine gute Ausbildung funktionieren?
Prof. Jutta Rump: Indem in den Betrieben die notwendigen Hygienevorschriften umgesetzt werden. In der Berufsschule durch virtuellen Unterricht, der zusätzlich zu Präsenzunterricht angeboten werden kann. So konnte der Lockdown überstanden werde. Später konnten die Klassengrößen durch diese Mischung der Unterrichtsformate so reduziert werden, dass sie den Abstandsregeln entsprechen.

Mappe: Wie beurteilen Sie die Gefahr, dass Azubis durch verstärkte virtuelle Ausbildungsinhalte und Social Distancing den Anschluss verlieren?
Prof. Jutta Rump: Ich sehe darin überhaupt keine Gefahr. An den Hochschulen haben wir mit virtuellen Vorlesungen, Podcasts, digitalen Unterlagen usw. sehr gute Erfahrungen gemacht. Es gab keine Qualitätsverluste und die Lehre ist viel zielgerichteter. Ich denke, wir werden nicht mehr in die alte Welt der Ausbildung zurückkehren. Es wird auch künftig eine Mischung aus Präsenz- und virtuellem Unterricht geben, auch »Hybridunterricht« genannt. Die durch die Pandemie forcierte Digitalisierung brachte einen unglaublichen Innovationsschub – inhaltlich und methodisch-didaktisch, beim Leben, Lernen und Arbeiten mit digitalen Technologien. Das bringt uns in Bezug auf die Digitalisierung qualitativ erheblich nach vorne.

Mappe: Vielen Dank für Ihre Ausführungen, Frau Prof. Rump.

Das Interview entstammt der Brennpunkt-Geschichte zum Thema »Ausbildung und Corona« in der aktuellen Oktober-Ausgabe der Mappe, in der wir die aktuelle Situation beleuchten.