11. September 2020

Digitalisierungsschub - das Beste aus beiden Welten

Im Interview: Christoph Krause, @servicerebell, Kompetenzzentrum Digitales Handwerk in der Handwerkskammer Koblenz. Foto: Stefan Veres

Das Handwerk ist analog, aber es kann auch digital, wenn es Vorteile bringt. Einige sind schon sehr weit, andere erkennen jetzt die Chancen und machen sich auf den Weg, mitgenommen vom Digitalisierungsschub, der durch das Land geht. Wir analysieren die Lage im Handwerk und zeigen die Chancen auf.

Maler Max Meister war sich schon länger klar, dass er das Thema Digitalisierung in seinem Betrieb forcieren wollte, doch es fehlte einfach die Zeit bei vollen Auftragsbüchern und zu wenig Personal. In der Corona-Krise wurde ihm die Brisanz deutlich vor Augen geführt. Auf die Schnelle machte er sich mit der virtuellen Kundenberatung vertraut. Ihm wurde klar, dass sein Internetauftritt zu wünschen übrig lässt, sein Ladenverkauf war nicht mehr möglich und außerdem wollte er ja schon viel weiter sein mit der Digitalisierung betrieblicher Prozesse, sei es Zeiterfassung oder der Baustellendokumentation.

Die Krise macht vielen Handwerkern deutlich, wo Handlungsbedarf besteht, sei es bei ihrer Präsenz im Internet, in den sozialen Medien und in der Verbesserung betrieblicher Prozesse.

Wo steht das Handwerk? Immerhin haben 43 Prozent der befragten mittelständischen Betriebe Digitalisierungsmaßnahmen aktiv in ihre Strategie implementiert. Weitere 38 Prozent waren dabei die Umsetzung einzelner digitaler Projekte zum Zeitpunkt der Befragung vor der Krise gerade anzukurbeln, so die Ergebnisse der Studie Digitalisierungsindex Mittelstand 2019/2020, erstellt von techconsult im Auftrag der Deutschen Telekom.

Wie schon in den Vorjahren analysiert der »Digitalisierungsindex Mittelstand 2019/20« die Transformationsfortschritte der Unternehmen auf vier Handlungsfeldern: Beziehung zu Kunden, Produktivität im Unternehmen, Digitale Geschäftsmodelle sowie IT-Sicherheit und Datenschutz.

Die Veröffentlichung »Digitalisierung im Handwerk – ein Forschungsüberblick«, des Deutschen Handwerksinstituts (DHI) kommt nach der Auswertung von 32 Studien aus dem Zeitraum von 2012 bis 2020 zu folgendem Fazit: »Die Betriebe haben grundsätzlich eine positive Haltung gegenüber der Digitalisierung. Die Handwerksunternehmen nehmen die Digitalisierung als Chance wahr, insbesondere um neue Kundenkreise zu erschließen und die Arbeitslast zu reduzieren.«

»Hundere von Prozessen im Handwerksbetrieb warten auf ihre digitale Vereinfachung.« informiert Christoph Krause, @servicerebell, Kompetenzzentrum Digitales Handwerk in der Handwerkskammer Koblenz. Im ausführlichen Interview gibt er dem Handwerk praktische Empfehlungen:

Mappe: Herr Krause, die Coronakrise hat vielen Handwerkern klar gemacht, dass sie sich mehr mit ihrer Präsenz im Internet, in den sozialen Medien und mit der Verbesserung betrieblicher Prozesse beschäftigen müssen. Wo liegen die größten Defizite?

Christoph Krause: Genau zwischen den einzelnen digitalen Lösungen die bereits im Einsatz sind. Das Handwerk ist ja schon digital unterwegs. Jedoch kommen mit jedem neuen Tool auch neue Schnittstellen, Abläufe und IT-Infrastruktur auf einen zu. Die Komplexität stellt für viele Unternehmen eine enorme Herausforderung dar. Das treibende Thema ist daher Vereinfachung und Automatisierung. Digitalisierung allein und auf Teufel komm raus führt selten zum Erfolg. Es muss immer zu den Prozessen im Handwerksbetrieb passen und die sind nun mal so vielfältig wie das Handwerk selbst.

Mappe: Was bringt schnell den größten Erfolg bei der Digitalisierung im Unternehmen?

Christoph Krause: Ich sollte mir einmal Zeit nehmen und meine digitale Kette vom Kunden ins Unternehmen und zurück vor Augen führen. Nur so erkenne ich welche digitalen Prozesse wirklich Mehrwerte wie Zeitersparnisse oder Kostenersparnisse für das Unternehmen bedeuten. Alles was in die Verbesserung der digitalen Kundenschnittstelle investiert wird, ist immer eine gute Investition in die Zukunft. Dies hat Corona sehr deutlich gemacht.

Mappe: Womit beginnen die Betriebe tatsächlich am häufigsten?

Christoph Krause: Aktuell stehen die Themen digitale Kundenschnittstellen, digitale Geschäftsmodelle und Prozessdigitalisierung ganz oben auf der Nachfrageliste. Die meisten Unternehmen beginnen natürlicherweise bei einem Problem. Meist ist es eine nicht funktionierende Schnittstelle zwischen zwei Prozessen. Hier kann man wunderbar ansetzen und gleichzeitig bereits die gesamte digitale Kette mit denken. Das Farb- und Materiallager ist immer noch ein großer Dschungel? Super, schon sind wir mitten drin.

Mappe: Viele schreckt vielleicht eine umfassende Digitalisierungsstrategie, was raten Sie den Betrieben, womit sie beginnen sollten?

Christoph Krause: Klar. Das Thema mit all seinen Facetten und den unzähligen Buzzwords kann schon verschrecken. Wenn ich meine eigene digitale Landkarte vom Unternehmen einmal vor mir habe, kann ich schnell erkennen, wo eine Investition lohnt und eben auch nicht lohnt. Gemeinsam mit unseren Experten aus dem Mittelstand-Digital-Netzwerk kann man in wenigen Schritten den richtigen Beginn finden. Einfach direkt morgen aufschreiben was an nicht funktionierenden digitalen Abläufen am meisten nervt. Wo drücken wir täglich am häufigsten »Kopieren« und »Einfügen«? So kommt man am besten sofort an den richtigen Prozess wo täglich Zeit, Nerven und Geld verbraucht werden.

Mappe: Was genau versteht man unter Prozessdigitalisierung?

Christoph Krause: Wir alle führen jeden Tag verschiedene Abläufe durch und führen Aufgaben aus. Heute sind diese Aufgaben ja vielfach digital begleitet. Die Digitalisierung bietet mit ihren Werkzeugen heute die Chance einige dieser Prozesse zu automatisieren. Somit bleibt wieder Zeit sich um das Kerngeschäft - das Handwerk - zu kümmern. Wenn meine Kunden bereits auf der Webseite ihr eigenes Angebot konfigurieren können und dabei ihre gesamten Kundendaten angeben, muss ich es nicht mehr machen. Terminbuchung beim Maler? Klar kann das heute vollkommen automatisiert erfolgen. Wirklich kompliziert ist das nicht, wenn die vorgelagerten Prozesse richtig aufgesetzt sind. So gibt es hunderte von Prozessen im Handwerksbetrieb, die auf ihre digitale Vereinfachung warten. Es geht immer darum einen Mehrwert für beide Seite zu schaffen. Für die Kunden und einen selbst.

Mappe: Was sind die größten Hürden in den Unternehmen für die Digitalisierung?

Christoph Krause: Zeit. Das Handwerk ist weiterhin sehr nachgefragt. Der tägliche Marathon verhindert weiterhin die nötige Investition in das Thema. Da hilft nur das Thema wirklich als wichtig zu erkennen und die richtigen Mitarbeiter im Unternehmen darauf anzusetzen. Oft finden sich unter dem Nachwuchs digitale Vordenker, denen man nur genügend Freiraum zur digitalen Entfaltung geben muss. Zum zweiten ist es die vollkommen menschliche Gabe zukunftsweisende Entwicklung in ihrer Geschwindigkeit zu unterschätzen. Die Pandemie hat sehr deutlich gemacht, dass die bereits gut digitalisierten Unternehmen enorm im Vorteil waren und sich schnell und agil auf die neue Situation einstellen konnten.

Mappe: Wie ist der Qualifizierungsstand im Hinblick auf die Digitalisierung von Chef und Mitarbeitern und wie ist die Entwicklung?

Christoph Krause: Hier ist noch viel zu tun. Die digitale Transformation zwingt uns täglich neue Dinge zu begreifen und anzuwenden. Gut. Das war schon immer so, jedoch wird die Taktfrequenz immer schneller. Wo Neues rein soll, muss Altes raus! Vorbei die Zeit wo wir wie unsere Vorfahren das Wissen eines ganzen Lebens auf einer Festplatte speichern konnten. Das heißt wir müssen hier unsere Herangehensweise an unsere Arbeits- und Lebenswelten erneut anpassen.

Das heißt für Unternehmen sich dem Thema Wissensmanagement im Tiefgang zu widmen; nutzerfreundliche Softwaresysteme zur Unterstützung der Mitarbeiter aufzubauen und vor allem zum Leben zu erwecken; eine Lern- und Fehlerkultur im Unternehmen zu etablieren.

Das heißt für Mitarbeiter das »Verlernen« lieben zu lernen; sich ein System zur Wissensablage und des Findens aufzubauen; sein Wissen konsequent zu teilen; die Lust am ständigen Wandel zu erfahren und deutlich mehr zu experimentieren.

Mappe: Handwerkerplattformen wie MyHammer boomen noch mehr seit Corona, wie kann das Handwerk sich in diesem Umfeld positionieren?

Christoph Krause: Klar. Durch Corona boomen alle die, die ihren Kunden eine digitale Schnittstelle zur Dienstleistung anbieten. Das funktioniert allerdings nicht nur als große Plattform. Auch als kleiner Handwerksbetrieb mit Webseite kann ich meinen Kunden digitale Mehrwerte wie Beratung, Farbauswahl, Designvorschläge und und und anbieten. Unser Praxisbeispiel aus dem Malerhandwerk kolorat.de zeigt dies auf wunderbare Weise. Das wichtigste ist hierbei sich eine echte digitale Community aufzubauen. Einfach Likes sammeln bringt nichts, wenn die Kunden nach dem Like meine Dienstleistung nicht buchen.

Mappe: Was beinhaltet der Digitale Werkzeugkasten für das Handwerk im mobilen Prozessbüro?

Christoph Krause: Wie der echte Werkzeugkasten im Handwerk hat unserer viele digitale Werkzeuge an Board. Ob Baustellen-Dokumentation oder Mitarbeiterchat. Es gibt immer eine passende Lösung für die vielfältigen Prozesse im Handwerk. Das fängt bei ganz einfachen Lösungen an und hört bei komplexen Anwendungen zum Internet der Dinge und der Methoden der Künstlichen Intelligenz auf. Gerade im Handwerk gibt es bereits unglaubliche digitale Macher und Macherinnen, die ein ganz neues digitales Handwerk in Deutschland vorantreiben. Da kann man richtig stolz sein. Das schöne bei unserem Netzwerk? Wir verkaufen nichts und können uns daher eine ehrliche Meinung erlauben. Was macht wirklich Sinn für den Handwerker und was eben auch nicht. Die Kollegen aus dem Kompetenzzentrum Digitales Handwerk begleiten dann neutral bei allen Fragestellungen zur digitalen Transformation in der Wertschöpfungskette Handwerk.

Mappe: Vielen Dank für Ihre Antworten, Herr Krause.

Von der Broschüre bis zu digitalen Projekten Das Kompetenzzentrum Digitales Handwerk hilft Handwerksbetriebe mit Expertenwissen, Demonstrationszentren, Best-Practice-Beispielen und Netzwerken zum persönlichen Erfahrungsaustausch. Geboten werden praktische Informations-, Qualifikations- und Unterstützungsangebote für jeden Handwerksbetrieb – von der Initialberatung bis zur Umsetzung einer konkreten Digitalisierungsstrategie. Das sind:

Broschüren, Checklisten, Online-Ratgeber

  • Demonstration digitaler Anwendungen
  • Workshops und Fachveranstaltungen
  • Webinare und Präsenzschulungen
  • Entwicklung von praxisnahen Implementierungsstrategien
  • Betriebsübergreifender Erfahrungsaustausch
  • Begleitung bei der Umsetzung von digitalen Projekten

Das Kompetenzzentrum Digitales Handwerk gehört zu Mittelstand-Digital. Mit Mittelstand-Digital unterstützt das Bundesministerium für Wirtschaft und Energie die Digitalisierung in kleinen und mittleren Unternehmen und dem Handwerk.

Informationen über das gesamte Angebot: www.handwerkdigital.de

In der Mappe 9.2020 lesen Sie den umfangreichen Beitrag zum Trend Digitalisierung und den damit verbundenen Chancen für das Handwerk.