»Neben den Freiräumen ist es wichtig, Fehler und Scheitern zu akzeptieren«

Stephan Rahn ist General Manager für Unternehmenskommunikation bei 3M. Der Multitechnologiekonzern 3M wurde 1902 in Minnesota, USA, gegründet und zählt heute zu den innovativsten Unternehmen weltweit. Im Mappe-Interview spricht Stephan Rahn über die Bedeutung von Kreativität – gerade für mittelständische Betriebe aus dem Handwerk.

foto:jpm.de
Stephan Rahn, General Manager Unternehmenskommunikation 3M

Mappe: Herr Rahn, Digitalisierung, Industrie 4.0 und Kreativität – wie passt das zusammen?
Stephan Rahn: Das hat nie besser zusammengepasst als jetzt. Wir erleben gerade eine Hochzeit der Kreativität, die sich insbesondere in der Kombination mit Industrie 4.0 und der Digitalisierung sehr gut für die Abwicklung von Standardprozessen durch Maschinen nutzen lässt. Je mehr wir das nutzen, desto mehr Freiräume entstehen für kreative Prozesse. Wenn dann alle Unternehmen dieselben Standardprozesse fahren, ist es entscheidend sich zu differenzieren – mit neuen Modellen, neuen Ideen. Kreativität ist der Treibstoff für Veränderungen. Disruption ohne Kreativität funktioniert nicht. Entscheidend sind jedoch immer Menschen, die neue Verbindungen schaffen, beispielsweise in der Interaktion mit Kunden.

Mappe: Wie sehen Sie den Boom bei Start-Up-Unternehmen im Zusammenhang mit Kreativität? 
Stephan Rahn: Es besteht momentan eine regelrechte Pionierstimmung, es ist viel in Bewegung, denn alles ist irgendwie möglich. Junge Menschen erleben, dass sich traditionelle Modelle auflösen. Jeder, der kreativ ist, kann seine Ideen in einem Start-up umsetzen. Voraussetzung sind Leidenschaft, gepaart mit wirtschaftlichem bzw. Marktverständnis und ein gutes Maß an Kreativität. Daher kommt der momentane Boom, vom dem sich im Übrigen nicht nur Konzerne, sondern auch das Handwerk sehr gut befruchten lassen kann.

Mappe: 3M lässt sich auch von seinen Kunden gerne inspirieren. Wie funktioniert die CII (Customer Inspired Innovationen) bei 3M konkret?
Stephan Rahn: Wir sind keine Forscher im Elfenbeinturm. Jährlich kommen 7.000 Kunden zu uns um die 3M-Welt kennenzulernen, im Laborbereich, in der Anwendung etc.. Dort wird beispielsweise über den Einsatz von Schleifmitteln diskutiert, was verändert oder verbessert werden kann. Unsere B2B-Kunden haben ein besonderes Vertrauensverhältnis und kommen mit konkreten Alltagsproblemen zu uns. Entweder zeigen wir ihnen dann eine bereits vorhandene 3M-Lösung, die sie noch nicht kannten oder wir entwickeln ein neues Produkt.

Mappe: Wie könnten Handwerksbetriebe von den Problemen und Ideen ihrer Kunden profitieren?
Stephan Rahn: Kleine Unternehmen sind viel beweglicher als Konzerne, die eher wie Supertanker agieren. Wir müssen schon mehr Aufwand treiben, beispielsweise um Kunden zu uns nach Neuss einzuladen. Handwerksbetriebe können hier Schnellboote sein, denn das Team ist eng an den Kunden dran und kann direkt von deren Rückmeldungen profitieren. Einfach bei den Kunden nachfragen, wo diese Verbesserungspotenzial sehen, sei es konkret bei der Dienstleistung beim Kunden oder beim Webauftritt. Verbraucher haben ja auf vielen Ebenen Erfahrungen mit der Industrie. Davon könnten Handwerksbetriebe profitieren, indem sie Elemente aufgreifen, beispielsweise, was die Interaktion mit Kunden im Internet angeht. Eine Möglichkeit ist, dem Kunden nach der Abnahme einen Feedbackzettel zu geben. Oder der Chef ruft an und erkundigt sich, ob der Kunde mit dem Ergebnis zufrieden ist oder ob es Verbesserungsvorschläge gibt.

Mappe: Wie hat sich der Stellenwert der Kreativität als Kompetenz im Job bei 3M in den letzten 3 Jahrzehnten entwickelt?
Stephan Rahn: Im Grunde ist unser Unternehmen ein Spiegel der Gesellschaft. Wir haben ja schon immer den Start-up- oder Gründer-Spirit im Unternehmen verankert. Kreativität war schon immer wichtig und sie wird noch wichtiger, weil sich so viel verändert. Wir sind dankbar für jeden kreativen Mitarbeiter, genauso wie für diejenigen, die die Prozesse abarbeiten und Standardarbeiten machen.

Mappe: Welche Konzepte helfen aus Ihrer Erfahrung am besten, die Kreativität der Mitarbeiter zu fördern?
Stephan Rahn: Neben den Freiräumen ist es wichtig, Fehler und Scheitern zu akzeptieren. Wir setzen zum Beispiel ganz bewusst erfahrene Manager ein, die schon mal etwas »an die Wand gefahren« haben. Ein positives Menschenbild ist die Voraussetzung auf der Chefetage, genauso wie Mitarbeiter, die wollen, dass das Unternehmen erfolgreich ist. Jeder muss sich auf den anderen verlassen können. Hilfreich ist, sich regelmäßig zusammenzusetzen und die Mitarbeiter zu ermuntern, ihre Anregungen, Ideen und Kritikpunkte einzubringen, ohne, dass jemand Angst haben muss. Auch junge Menschen zu Wort kommen lassen. Es muss klar sein, dass jede Idee willkommen ist.

Mappe: Welche Bedeutung könnte die Kreativität für KMU und Handwerksbetrieb im Hinblick auf den Fachkräfte- und Albuminmangel haben?
Stephan Rahn: Das Handwerk sollte mehr nach außen kommunizieren, dass es auch »Kopfwerk« ist. Junge Menschen ansprechen in dem Sinne: »Wir brauchen Dich für Innovationen«. Sich modern, digital und kreativ darstellen und die Schwellenangst vor der Digitalisierung abbauen.

Die Mappe bedankt sich bei 3M-General Manager Stephan Bahn für das spannende Interview. 

Weitere Tipps, Tricks und Best Cases wie Unternehmen die eigene Kreativität fördern und dadurch nicht nur erfolgreicher sondern auch zufriedner werden, gibt es in den Trends und Chancen der November-Ausgabe der Mappe.

Coverbild: Unsplash/ David Becker

Foto:jpm.de