Lichtblick für Maler

Fassaden zeigen sich als Lichtinstallationen, Innenräume bestechen mit Lichtakzenten. Malerarbeiten und dekorative Gestaltungstechniken rücken dabei vermeintlich in den Hintergrund. Doch wo Licht ist, da spielen auch Farbe und Materialien eine entscheidende Rolle.

beleuchtete Fassade

Orange-gelb hebt sich das Gebäude direkt an der Straße von den umliegenden Häusern ab, es strahlt warmes Licht in die Dunkelheit hinein. Die Lichtquelle selbst ist nicht zu erkennen. Farbig leuchtende Linien breiten sich gleichmäßig auf der Oberfläche aus, dabei sind es nur die Laibungen der vielen Fenster, die vom Licht angestrahlt werden.
Die Fassade des Firmensitzes der Linde AG im Münchner Hackenviertel ist nur ein Beispiel für Gebäude in Metropolen, die mit Hilfe von Licht, wenn Mitarbeiter längst den Arbeitsplatz verlassen haben, nachts zu einem attraktiven Stadtbild beitragen. Es stellt sich die Frage, ob bei all dem Fortschrittsstreben in der Gestaltung traditionelle Techniken mit Pinsel und Spachtel überflüssig werden? Vor allem in Anbetracht der Tatsache, dass Licht und speziell LED-Lampen problemlos Farben in verschiedensten Spektren wiedergeben können.

Im Rahmen eines Forschungsprojekts beschäftigten sich Studiendekan Markus Schlegel und seine Studierenden mit den bisher gewohnten Baustoffen für Fassaden und Gebäudehüllen und wie diese trotz der vermeintlich konkurrierenden innovativen Technologie künftig zum Einsatz kommen könnten. Wo aber erschließen sich Chancen für den Maler, wenn Lichtdesign so stark im Trend liegt und traditionelle, klassische Werkstoffe scheinbar überschattet werden? Eine Möglichkeit wäre, so Schlegel, in den Abendstunden die jeweiligen Strukturen und Flächen einer Fassade subtil zum Leuchten zu bringen und so Baumaterial und -stil prominenter hervorzuheben.

Licht dient und unterstützt

Es geht also darum, Materialien und Strukturen in ihrer Besonderheit und Individualität mit Hilfe von Licht stärker zu betonen. So kommen spezifische Merkmale, die ansonsten nur bei Tageslicht ersichtlich sind, auch nachts zur Geltung. Davon profitieren vor allem gewerblich-öffentliche Gebäude im urbanen Raum, die das Stadtbild entscheidend prägen. Visuell ansprechende Städte und Stadtteile zählen zu einem wichtigen Marketingfaktor für Regionen, gerade auch im Tourismussektor.

Wenn Gebäudeoberflächen mit entsprechend gelenktem Licht und abgestimmter Inszenierung die Besonderheiten der Handwerkstechnik hervorheben und unterstützen können, muss der Anspruch für den Maler sein, sich innovativer Techniken zu bedienen. Diese innovativen Techniken erheben sich dann zum Hauptbestandteil der Fassade und überschatten das Licht, das hier vielmehr in seiner unterstützenden Funktion ergänzt, als alleiniger Hauptakteur der Darbietung zu sein. Materialien und Farben sind somit entscheidende Kriterien für die Wahl des Leuchtmittels. Nichtsdestotrotz bedeutet die Entwicklung hin zu neuen architektonischen Gestaltungskonzepten ein verändertes Geschäfts- und Arbeitsverhältnis für Architekten, Handwerker und in diesem Fall Lichtplaner. Interdisziplinäre Zusammenarbeit ist gefragt, auch, wenn zunächst oft nur Architekten und Lichtplaner die Konzeptentwicklung in die Hand nehmen. Maler kommen allerdings dann ins Spiel, wenn es um dekorative Gestaltungstechniken, besondere Lasuren oder hochwertige Spachteltechniken geht – die mit direkten oder indirekten, dezenten oder auffälligen Lichtakzenten schließlich auch bei Dunkelheit sichtbar werden.

Farbe und Licht

Am U-Bahnhof »Münchner Freiheit« rollen Züge bei neonblauem Licht ein. Massive, gekachelte Säulen reihen sich den Bahnsteig entlang, sie sind stechend blau und verlängern sich durch die verspiegelten Decken optisch zu ihrer doppelten Höhe. Die Säulen sind jedoch nicht einfach blau angestrichen. Eine solche Leuchtkraft wäre allein durch Farbe nicht herzustellen. In die Decke eingearbeitete LED-Strahler beleuchten die Pfeiler und machen den Farbton somit wesentlich intensiver.

U-Bahnhof

An der Gestaltung des U-Bahnhofs zeigt sich, wie Farbe und Licht vor allem in Innenräumen ergänzende Rollen spielen. Für Markus Schlegel macht es daher durchaus Sinn, dass Maler die atmosphärische Gestaltung von Raum durch Licht und Farbe zu ihrem Thema machen. »Ich fokussiere hier bewusst auf die Atmosphäre, die durch Gestalter zu beschreiben und maßgeblich durch die Komponenten Licht und Farbe einzustellen ist. Die tatsächliche Lichtgestaltung und Planung ist dagegen komplex und sollte durch Lichtexperten erfolgen.«

Dass Maler die komplette Lichtplanung übernehmen, ist daher eher selten. Dennoch kann es sich als Vorteil erweisen, wenn Sie Ihre Kunden in Sachen Licht, Lichtlenkung und Farbwirkung unter Lichteinfluss zumindest allgemein beraten können. Denn genau wie Licht Materialien und Strukturen unterstützen und hervorheben kann, so ermöglicht es auch, Farbe in Räumen zu inszenieren und die Atmosphäre im Wohn- und Arbeitsbereich erheblich zu beeinflussen. Die tatsächliche Farbwiedergabe hängt nämlich entscheidend von der verwendeten Lichtquelle ab.

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Welches Licht für welche Räume passend ist und mit welchen Wandfarben es harmoniert, gibt der sogenannte Farbwiedergabeindex (Ra) an. Je besser der Farbwert-Index eines Leuchtmittels, desto optimaler kommen die Farben in den jeweiligen Räumen zur Geltung. Dies macht außerdem deutlich, wie wichtig die Art und Qualität der Lichtquelle ist, wenn es darum geht, für den Kunden den gewünschten Farbton zu erreichen. Die Farbwirkung wird insbesondere dann unterstrichen, wenn sich Lichtfarbe und Farbton entsprechen. Herrscht in Räumen eher kaltes Licht, eignen sich kühlere Farben. Rot gestrichene Wände oder Räume in Gelbtönen dagegen harmonieren besser mit warmem Licht.

Als Gestaltungselement hat sich Licht inzwischen etabliert, als auffällige Akzentuierung oder als Symbol für Modernität und Fortschritt in der Architektur. Zugleich geht es eine Symbiose mit Farbe ein und spielt eine wichtige Rolle für Interieurs und Raumgestaltung. Dienend, unterstützend, akzentuierend, dominierend – Licht hat vielerlei Funktionen, die sich allesamt im Laufe der Zeit parallel zum gesellschaftlichen, ökologischen, künstlerischen und handwerklichen Wandel entwickelt haben. Die innenarchitektonische Bedeutung von Licht und seinem Potenzial als Gestaltungsmittel kann dem Maler eine Chance sein. Und selbst der Trend hin zum Aufpeppen einer Fassade mit Hilfe von künstlichem Licht muss keine Konkurrenz für den Maler bedeuten, sondern provoziert vielmehr den Anreiz, neue Ideen aus alten Gestaltungstechniken des traditionellen Handwerks zu generieren.

Fotos: Zumtobel, Mappe, Zumtobel