Leser-Reaktion: »Ein Ausbildungsvertrag ist noch keine Integration«

Drei Jahre nachdem eine große Zahl Geflüchteter nach Deutschland kam, hat die Mappe im Brennpunkt der Juli-Ausgabe der Mappe eine erste Bestandsaufnahme gemacht und mit Betrieben über ihre Erfahrungen gesprochen: Kann man mit der Integration von Flüchtlingen gleichzeitig dem Fachkräftemangel im Handwerk begegnen? In der Folge erreichten die Redaktion nach Veröffentlichung viele Zuschriften. Sie alle sind der Meinung, dass es ist eine große Chance für das Handwerk und die Geflüchteten ist, aber für wirkliche Integration gilt es noch einige Herausforderungen zu meistern.

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Ein abgeschlossener Ausbildungsvertrag kann nur der Anfang sein, davon sind unsere Leser überzeugt. Echte Hilfe und Integration benötigt ausdauernderes Engagement von Seiten der Ausbildungsbetriebe

In den Jahren 2015 und 2016 sind mehr als 1,2 Millionen Schutzsuchende nach Deutschland gekommen, Younas Yousefi aus Afghanistan war einer von ihnen. Wie viele wünschte auch er sich eine sichere Anstellung im Handwerk und traf dabei auf einen großen Arbeitsmarkt: Im September 2017 waren es 49.000 Lehrstellen, die unbesetzt waren. Laut Berufsbildungsbericht 2018 konnten von 26.4000 Bewerbern mit Fluchterfahrung bereits 9.500 eine duale Ausbildung beginnen. Doch es beginnt sich abzuzeichnen, dass es noch Nacharbeitungsbedarf gibt, um junge Geflüchtete erfolgreich im Beruf zu integrieren, betonen Schulen und Betriebe. Sie fordern mehr Rechts- und Planungssicherheit für Betriebe und eine verbesserte Sprach- und Ausbildungssicherheit für die Auszubildenden.

Sprachkenntnisse sind der Schlüssel für erfolgreiche Integration

Gerade was die Sprach- und Ausbildungsförderung angeht, gibt es noch Nachholbedarf, betont Felix Winkler, geschäftsführender Schulleiter der beruflichen Schulen Stuttgart. »Bei uns in Stuttgart hat die Thematik um Flüchtlinge im Handwerk besondere Aktualität. Laut aktueller Umfrage gibt es derzeit knapp 1.000 Flüchtlinge im Handwerk. Ein Großteil, ungefähr dreiviertel der Flüchtlinge, die hier eine Ausbildung anfangen, haben einen Ausbildungsvertrag im Handwerk abgeschlossen. Davon ist wiederum ein Großteil aus dem Malerhandwerk.«

Schulleiter Felix Winkler
Felix Winkler ist Schulleiter der Gewerblichen Schule für Farbe und Gestaltung in Stuttgart. Aus Erfahrung weiß er, dass die sprachliche Ausbildung außerhalb der Schule oft vernachlässigt wird. Er fordert hier mehr Engagement (Foto: Lichtgut/Christoph) Schmidt

Er begrüßt die Willkommenshaltung der Betriebe, gerne Flüchtlinge aufzunehmen. Doch es sei noch zu früh, von erfolgreicher Integration zu sprechen. An seiner Berufsschule sind ein Drittel der 70 neuen Auszubildenden junge Menschen mit Fluchterfahrung. Die Hälfte spricht kaum Deutsch. Sie werden deshalb zum größten Teil die Ausbildung nicht erfolgreich abschließen können, befürchtet der Pädagoge. »Das empfinde ich als eine tickende Zeitbombe«, mahnt Winkler.

Was wird mit ihnen passieren, wenn Sie ihre Prüfungen nicht bestehen oder frustriert die Lehre abbrechen?

Denn: »Was wird mit ihnen passieren, wenn Sie ihre Prüfungen nicht bestehen oder frustriert die Lehre abbrechen? Hier ist die Gefahr groß, dass diese jungen Flüchtlinge in Schwarzarbeit abrutschen oder in Beschäftigungsverhältnissen landen, in denen Sie keinen Integrationsmöglichkeiten finden werden.« Diese Entwicklung wird Einfluss auf das Malerhandwerk haben: »Fallen diese Auszubildenden in den nächsten drei Jahren weg, verschärft sich der Nachwuchsmangel im Handwerk drastisch, das Image wird unter dem großen Anteil schlecht ausgebildeter Maler ohne Abschluss leiden und nicht zuletzt – wer wird in einigen Jahren die Betriebsnachfolge antreten, wenn der qualifizierte Nachwuchs fehlt?«

Zeit für Sprach- und Integrationsförderung

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Younas Youssefi ist Lehrling im Malerbetrieb Hess aus Siershahn. Damit der talentierte Malerlehrling bleiben kann, haben Alexandra und Andreas Hess viel leisten müssen

Wie wichtig eine gute sprachliche Förderung ist, weiß auch der Malerfachbetrieb Hess aus Siershahn. Younas Yousefi stellte sich in der Hoffnung auf einen Ausbildungsvertrag bei ihnen vor. Beim Probearbeiten zeigte sich schnell, dass der junge Flüchtling handwerklich geschickt, fleißig und motiviert ist. Gerne hätten sie ihn direkt eingestellt. Doch für Andreas Hess war klar, dass Younas zunächst Deutsch lernen musste. Sein Angebot: »Younas, wenn du jetzt erst einmal Deutsch lernst, dann würden wir dir gerne eine Ausbildung anbieten«. Denn der Malermeister ist überzeugt davon, dass nur so eine Ausbildung und damit Integration auch gelingen kann. In der Folge absolvierte Younas intensiv Sprach- und Integrationskurse. Anschließend konnte er im Rahmen einer betrieblichen Einstiegsqualifizierung seine Ausbildung als Praktikant im Betrieb beginnen. Inzwischen ist der junge Flüchtling im zweiten Ausbildungsjahr, sein Chef Andreas Hess überwacht die Lernerfolge in der Berufsschule, ein ehrenamtlicher Pate gibt zusätzlich Nachhilfe.

Einfach einen Ausbildungsvertrag machen und abwarten ob es trotz Sprachbarriere klappt, ist verantwortungslos!

Felix Winkler begrüßt so ein Vorgehen – das sei nicht selbstverständlich. Viel zu häufig erlebt er einen anderen Berufsalltag für die Flüchtlinge: »Im vielen Fällen kommt der junge Auszubildende ohne oder mit kaum vorhandenen Deutschkenntnissen in Ausbildung. Dort arbeitet der Auszubildende 40 Stunden die Woche, daneben bleibt keine Zeit für Sprachförderung oder Nachhilfe. Weil der Auszubildende sich nicht verständigen kann, wird er auch nicht zu Baustellen bei Privatkunden mitgenommen. Also arbeitet er die im Objektbau, oftmals mit Kollegen, die selbst kein Deutsch können. In diesen sechs Wochen lernt der Auszubildende kaum Deutsch. Dieses Defizit in der Sprachförderung können wir in der zweiwöchigen Berufsschulphase zusätzlich neben dem Lehrplan her nicht auffangen.« Eine kontinuierliche Förderung wäre notwendig. Er fordert deshalb Betriebe auf, hier Verantwortung zu übernehmen – schon um ihrer selbst willen: »Einfach einen Ausbildungsvertrag machen und abwarten ob es trotz Sprachbarriere klappt, ist verantwortungslos, man muss doch wollen, dass der Auszubildende auch eine reelle Chance hat.«

Mehr Rechts- und Planungssicherheit für Betriebe

Der Malerbetrieb Hess hat alles richtig gemacht, und so steuert Younas erfolgreich auf seinen Ausbildungsabschluss zu. Alexandra und Andreas Hess sind stolz auf diese Entwicklung, sie wollen Wegbereiter sein. Doch sie würden sie weniger Bürokratie und mehr Unterstützung von Seiten der Ämter wünschen: »Es war ein großer Aufwand im Umgang mit den Behörden«, berichtet Alexandra Hess. »Kann es nicht einfach ein normaler Auszubildender sein, der nicht ständig bedroht von Abschiebung ist und sich regelmäßig mit Anwaltsbriefen neben seiner Ausbildung auseinandersetzten muss?« Die Betriebsinhaberin musste sich oft zusätzlich engagieren: Bis zum Bundestag ging sie, als Younas nach Afghanistan abgeschoben werden sollte. Sie würde Betrieben empfehlen, es selbst zu versuchen, doch sie mahnt auch: »Was wir in den letzten eineinhalb Jahren erlebt haben, war sehr nervenaufreibend. Wenn man als Arbeitgeber Post bekommt, dass der eigene Azubi innerhalb der nächsten 48 Stunden das Land verlassen muss, dann muss man informiert sein und die Nerven bewahren.«

Ausbildung ist immer Arbeit, wenn man es vernünftig machen will.

Auch Sascha Trynoga vom Malerbetrieb Trynoga aus Wuppertal hat einen jungen Geflüchteten aus Gambia. Seine erste Lehre hat der junge Mann aufgrund von Problemen in der Berufsschule abbrechen müssen. Sascha Trynoga vermutet, dass es an Sachproblemen aber auch an mangelnder Schulbildung liegt. Mit der Unterstützung eines ehrenamtlichen Helfers hat er sich vorgenommen den jungen Flüchtling erfolgreich durch die Ausbildung in seinem Betrieb zu bringen. »Auch ich muss mich jetzt engagieren, ich befrage ihn regelmäßig, wie es in der Berufsschule für ihn ist, wo er Probleme sieht und wie ich ihn unterstützen und fördern kann.« Viel Unterstützung von den Behörden erwartet auch er nicht, aber die Investition in seinen besten Lehrling bringt er gerne. »Ausbildung ist immer Arbeit, wenn man es vernünftig machen will«, erklärt der engagierte Malermeister schulterzuckend.

 

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