Kontrollierte Erosion

Die Alnatura Arbeitswelt, das europaweit größte Bürogebäude mit Lehmfassade, wurde Anfang des Jahres eröffnet. Außen entwickelt eine kontrollierte Erosion die Patina der Fassade. Innen verbessern der raue Lehm und weitere Baumaterialien aus nachwachsenden Rohstoffen alle Aspekte des Raumklimas.

Der 55.000 Quadratmeter große Alnatura Campus im Südwesten von Darmstadt ist besonders nachhaltig. Für ihn wurde das ehemalige US-Kasernengelände der Kelley-Barracks umfassend renaturiert: Versiegelte Flächen wurden aufgebrochen und das anfallende Material in den Freiflächen verbaut. Heute beleben das Konversionsgelände ein Waldorfkindergarten, ein Park, Teiche, Sportflächen und Flächen für den Ökolandbau. Herzstück des Campus‘ ist die Alnatura Arbeitswelt, eine helle und moderne Bürolandschaft. Mit einer Bruttogeschossfläche von 13.500 Quadratmetern bietet sie Platz für 420 Mitarbeiter*innen. Sorgfältig ausgewählte Baumaterialien und ein optimiertes passives Gebäudekonzept erzeugen ein behagliches Raumklima. Der intelligente, stoffgerechte Einsatz der Baumaterialien und die Reduzierung der technischen Anlagen zum Heizen, Lüften und Kühlen schonen Ressourcen und sparen Energie und Kosten im Betrieb. Auch die Architektur trägt ihren Teil dazu bei. Ein helles und weites Atrium durchzieht den von außen kantigen Bau organisch. In seinem Luftraum schwingen Deckenflächen leicht vor und zurück, weiße Stege und eine Treppe verbinden die gegenüberliegenden Seiten. Die gläsernen Stirnfassaden und das durchlaufende Oberlichtband belichten das Atrium natürlich und stromsparend.

Innovatives Gesamtkonzept

In Deutschland ist der Verbrauch von Gebäuden für Heizung, Kühlung und Strom für rund 30 Prozent der CO2-Emissionen verantwortlich. Die Alnatura-Arbeitswelt sollte die Ressourcen schon bei ihrem Bau besonders schonen. Deshalb gab es einen umfangreichen Entwurfsprozess, u.a. mit Forschungen eines Konsortiums aus den Architekten haascookzemmrich STUDIO2050, universitären Lehrstühlen und innovativen Planern von Gebäudeklima. In ihrem Forschungsprojekt »Entwicklung von Strategien zur Implementierung des Grauen Energieaufwands in den iterativen integrierten Entwurfsprozess von Gebäuden« wurden verschiedene Varianten für die Bauteile verglichen, um die sogenannte »Graue Energie« zu reduzieren. Graue Energie ist die gesamte, in den Baumaterialien gebundene Energie, die für deren Herstellung, Nutzung und auch Entsorgung benötigt wird.

Das Forschungsprojekt belegt als günstigste Fassade eine gedämmte Stampflehmfassade. Für das Dach wurde schließlich eine leichte Holzkonstruktion gewählt. Mit diesen hochgedämmten Bauteilen liegt der Energiebedarf des Gebäudes rund ein Drittel unterhalb der Anforderung der aktuellen Energieeinsparverordnung (ENEV). Photovoltaik- und Geothermieanlage machen einen nahezu klimaneutralen Betrieb möglich. Ein Erdkanal versorgt es ganzjährig mit Frischluft aus dem angrenzenden Wald. In die Lehmwand eingestampften Leitungen temperieren die Räume. In den Wintermonaten sind sie Flächenheizungen. Im Sommer können sie die Räume kühlen. Eine Regenwasser-Zisterne liefert das Wasser für die sanitären Anlagen und die Außenflächen. Und so wurde die Alnatura Arbeitswelt in diesem März von der Deutschen Gesellschaft für Nachhaltiges Bauen (DGNB) mit der Bestnote Platin ausgezeichnet.

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