Interview zur Zukunft der Mobilität

Für manche ist es der große Traum: ein Fuhrpark mit Null-Emissionen. Andere sind skeptisch, abwartend. Doch der eine oder andere Maler fährt schon ein elektrisch betriebenes Lastenfahrrad, ein Elektroauto oder einen E-Transporter. Im Mappe-Interview spricht Christian Scherf vom Innovationszentrum für Mobilität und gesellschaftlichen Wandel (InnoZ) GmbH in Berlin über die Zukunft der Mobilität.

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Christian Scherf, Foto: InnoZ/Sebastian Knoth

Mappe: Herr Scherf, welche Verkehrsmittel haben das Hauptpotenzial in der ökologischen Verkehrsentwicklung im Hinblick auf die Praktikabilität und Akzeptanz der Nutzer?

Christian Scherf: Grundsätzlich sind all jene Verkehrsmittel ökologisch, die mit erneuerbaren Energien fahren. Dies kann regenerativ erzeugter Strom sein, schließt aber auch menschliche Muskelkraft oder in Zukunft nachhaltig erzeugten Wasserstoff ein. Praktikabel ist nach Einschätzung der meisten Nutzer ein Verkehrsmittel immer dann, wenn zu beliebiger Zeit und an beliebigem Ort darauf zugegriffen werden kann. Lange Zeit war dies fast nur bei privaten Individualverkehrsmitteln der Fall – klassischerweise das eigene Auto vor der Haustür oder das Fahrrad in der eigenen Garage. Diese Form privater Mobilität ist jedoch gesamtgesellschaftlich gesehen sehr ineffizient: Im Schnitt steht ein deutsches Privatauto ca. 23 Stunden am Tag ungenutzt herum, verbraucht oft öffentlichen Raum, wobei es Fußgänger, Rad- und Rollstuhlfahrer usw. behindert. Sinnvoller ist es, möglichst viele Fahrzeuge in geteilter Nutzung einzusetzen.

Mappe: Wie sieht Ihrer Meinung nach ein wirklich nachhaltiges Verkehrskonzept aus?

Christian Scherf: Durch die zunehmende Zahl an Fahrradverleih- und Carsharing-Systemen in Verbindung mit Smartphones und Apps haben wir endlich die Chance, diese Dienste ebenso praktikabel wie die Nutzung von Privat-Pkw zu gestalten. Hinzukommen große Potenziale in der Mitfahrvermittlung, denn Privatautos stehen nicht nur zu viel herum, sie sind auch durchschnittlich mit nur ein bis zwei Personen besetzt: Eine enorme Ressourcenverschwendung. Damit die Mitnahme von Personen für Privatleute finanziell attraktiv und rechtssicher wird, muss aber der gesetzliche Rahmen angepasst werden. Gewerbliche Personenbeförderung ist in Deutschland grundsätzlich genehmigungspflichtig. Der öffentliche Verkehr ist eine Aufgabe der staatlichen Daseinsvorsorge. Das hat historisch gute Gründe, bedarf aber im Kontext der digitalen Innovationen einer Neuinterpretation. Kurzgefasst: Wir brauchen eine Individualisierung des öffentlichen Verkehrs und eine »Veröffentlichung« des Individualverkehrs. Sozial nachhaltig ist ein Verkehrssystem erst dann, wenn ich hier und jetzt das Fahrzeug erhalte, das ich gerade brauche. Zukünftig wird es aber auch bedeuten, dass ich das Fahrzeug schnell wieder loswerde, wenn ich es gerade nicht benötige.

Mappe: Welche Verkehrskonzepte favorisieren Sie für den ländlichen Raum?

Christian Scherf: Oft heißt es, Elektroautos seien höchstens eine Lösung in der Stadt, nicht auf dem Land. Doch ist das wirklich so? Auch auf dem Land gibt es kleine und mittlere Zentren, in denen Umstiege auf Verkehrsmittel mit mehr Reichweite organisiert werden können. Und es gibt auch Potential, Fahrzeug gemeinschaftlich zu nutzen. Bei uns am InnoZ sind wir z.B. an Projekten beteiligt, in denen E-Autos zur öffentlichen Nutzung an Gemeinden bereitgestellt werden. Wenn wir solche Konzepte weiterdenken, kann die Lösung in einem sogenannten »Hub-And-Spoke-System« liegen: Hubs sind dabei Ort mit Bahn- oder Busanschluss bzw. Carsharingangebot. Die restliche Strecke zum Ziel (Spoke) kann dann durch elektrische oder unmotorisierte Fahrzeuge mit vier und zwei Rädern zurückgelegt werden. Sicher braucht es dazu einen leistungsstarken und kundenfreundlichen Öffentlichen Verkehr. Es wird auch immer noch Orte geben, in denen die Menschen konventionelle Autos brauchen, aber diese Orte werden zukünftig weniger.

Mappe: Ganz konkret: Womit könnten kleine Handwerksbetriebe beginnen, die eine ökologische Mobilität anstreben?

Christian Scherf: Sie können sich zunächst einmal informieren, was es in ihrer Region überhaupt für Alternativen zum privaten „Verbrenner“ gibt. Unsere Studien zeigen, dass viele Menschen so in Alltagsroutinen verhaftet sind, dass sie die Alternativen schlicht nicht kennen. Der Beginn einer nachhaltigeren Mobilität muss nicht gleich mit hohen Investitionen, wie die Anschaffung eines Elektroautos, verbunden sein. Oft sind es die unscheinbaren Dinge, in denen der Keim des Wandels liegt. Vielleicht gibt es in der Nachbarschaft einen Händler oder Pendler, der täglich eine ähnliche Strecke wie der Handwerker fährt. Vielleicht können sich örtliche Handwerksbetriebe an einer kommunalen Flotte oder einem Gemeindefahrzeug beteiligen. Es gibt viele Möglichkeiten. Wir am InnoZ sehen unsere Aufgabe auch darin, Menschen mit intelligenten Lösungen zu helfen, ihren Möglichkeitsraum zu erweitern.

Mappe: Wie können Lastenfahrräder eine Alternative für Handwerksbetriebe sein?

Christian Scherf: Lastenräder können eine von vielen Möglichkeiten sein, Pkw-Verkehr auf andere Verkehrsmittel zu verlagern. Ich denke, dazu muss auch ein Imagewandel stattfinden: Weg von der alten „Klapperkiste“ Marke Eigenbau, hin zu sicheren Rädern mit leichtem Rahmen, moderner Aufhängung, elektrischer Tretunterstützung usw. Natürlich ist das kein vollwertiger Ersatz für einen klassischen Lieferwagen, aber in Kombination mit anderen Alternativen kann es Teil der Lösung sein. Und darauf kommt es an: Nicht länger Teil des Problems sein, sondern Teil der Lösung werden.

Den gesamten Artikel zur Zukunft der Mobilität lesen Sie in der Mappe 1/2017.