Unser Zuhause erzählt etwas über uns

Die Augen offenhalten, Trends erkennen und in stimmige Wohnatmosphären und Lebensräume umsetzen: Das gehört zu den Aufgaben des Gestalters. Die internationalen Messen wie die Ambiente, die Biennale Interieur, Maison & Objet und die Möbelmesse in Köln bieten dazu reichlich Gelegenheit zum Entdecken der Interiortrends 2019.

Die Fülle an Informationen und Stilrichtungen ist oft schwer vom eigenen, geschmäcklerischen Empfinden zu trennen. Auf der diesjährigen IMM zeigten namhafte Möbelhersteller eine hilfreiche und beeindruckende Installation. Unter der kreativen Leitung von Dick Spierrenburg, dem Creative Director der IMM, und der Stylistin Floor Knaapen wurden sieben Wohnwelten und passend dazu sieben Wohntypen präsentiert, die – wenn man so will – Lebenstypen sind. Dahinter steckt die Erkenntnis, dass der Umgang mit Interiortrends ganz individuell ist, dass Erziehung, Bildung, Eigenwahrnehmung und nicht zuletzt Geschmack uns alle zu unterschiedlichen Typen macht, die auf ganz eigene Weise auf Strömungen reagieren. Während der eine möchte, dass alles so bleibt wie es ist, kann es der andere gar nicht erwarten, neues auszuprobieren und in seine Welt zu integrieren. Wir stellen die sieben Typen vor:

 

 

1. »The Collector« –
Geschichte wiederholt sich

Der erste Lebenstyp ist der Sammler. Als Kunstliebhaber lässt er sich gerne von historischen Mustern und Designs inspirieren. Seine Helden der Designgeschichte sind Ettore Sottsass, Andy Warhol und Gerrit Rietveld.
Der Stil ist von klaren Formen geprägt, eklektisch und gleichzeitig poppig frisch. Er mag Glas und glänzende Oberflächen. Seine präferierte Formensprache ist funktionsgebunden und klar. Verspielte, helle Farbpaletten, gerne im Bereich der Primärfarben, können diesen kritischen Geist genauso begeistern wie ikonische Sammlerstücke.

 

2. »The Minimalist« –
Weniger ist mehr

Der Minimalist ein kein großer Fan starker Farben. Er begeistert sich eher für präzise Formen, klare Linien und grafische Muster. Glas und Stahl, Marmor und Beton sind seine Materialien. Alles zwischen Schwarz und Weiß unterstützt sein technikaffines Denken und Leben. In seinem Zuhause bestimmen visuelle Ruhe und brandaktuelle Designs sein Ambiente.

 

3. »The Traveller« –
A better world. Do it yourself

Der Reisende sucht das Abenteuer, er liebt es, mit Menschen zusammenzutreffen und sucht den Austausch mit fremden Kulturen. Als Naturliebhaber ist seine Wohnwelt lebhaft und ausdrucksstark. Von großgemustert bis fein ziseliert begeistert er sich für Ethno-Designs und naturalistisch-exzentrische Motive. Vögel, Blüten, Jungle Fever – kein Druck ist zu verrückt. Er liebt satte Farben und Formen, die wie gewachsen erscheinen. Die Materialwelt des Naturliebhabers ist geprägt von allem, was er sich von draußen in sein Heim holen kann. Holz, Leder, Naturstein, Gold und Korbgeflecht in wildem Mix. Energiegeladen und eher praktisch veranlagt frönt er seiner Leidenschaft für Flora und Fauna.

 

4. »The Nightrider« –
Living on the edge

Der Nachtschwärmer liebt die Dunkelheit und ihre Geheimnisse. Voller Energie schläft er nie. Auf der Suche nach Glamour und Drinks stürzt er sich leidenschaftlich gern ins Nachtleben. Auch zuhause sind seine Atmosphären opulent, die Eleganz des Art Déco gehört zu seiner Welt. Samt und Seide, Silber und Gold, Kristall und Metalle sind seine Materialien. Überall wo es warm und behaglich ist, fühlt er sich wohl. So ist er auch ein Liebhaber dunkler, satter Farben. Ob Nachtblau, Purpur oder Schwarz, hier darf es gerne dekadent sein.

 

5. »The Romantic« –
I heart <3

Ebenso sinnlich wie der Nightrider ist der Romantiker ein gefühlsbetonter Mensch, dabei ist er sanft und fürsorglich. Er umgibt sich gerne mit weichen Stoffen, vielen Kissen und runden Formen. Gewebtes und Geflochtenes in weichen Rot und Rosé-Harmonien, gestützt von zarten Pudertönen, das ist seine Welt. Ob Leinen oder Seide, Tapeten aus natürlichen Stoffen, vielleicht in floralen, zarten Designs berühren sein Herz. Der Romantiker ist ein sanfter Mensch, er liebt es behaglich und gemütlich.

 

6. »The Nordic New« –
Creating the good life

Der Nordic New Typ kreiert sich seine eigene Traumwelt. Sie ist harmonisch, friedlich und frisch, so wie er selbst. Er ist ein Liebhaber der sanften, pastelligen Töne. Man kann sie gut mit warmen Grautönen kombinieren. Greige und Taupe können hier einen neutralen Rahmen für die bonbonfarbenen Elemente schaffen. Weiche Formen mit cleanen Oberflächen sind sein Ding. Inspiriert vom nordischen Lebensstil schaut er positiv nach vorne. Handgefertigtes schätzt er genauso wie neueste Technologien.

 

7. »The Materialist« –
Zurück zu den Wurzeln

Als Purist gehört seine Liebe authentischen Materialien wie Kork, Holz, Leder und Papier. Gerne lässt er sich von der Natur inspirieren. Er brennt aber auch für Experimente, die Wissenschaft und Originalität. Glücklich macht man den Materialisten mit Oberflächen, die haptisch erlebbar sind, üppig und warm. Immer auf der Suche nach einem Kontrast zu unserer schnellen, digitalen Welt, braucht er eine behagliche Wohnwelt. Weiche Kontraste, der Natur entlehnte Farben, einfache und nachhaltige Produkte schaffen für ihn eine entspannende Atmosphäre.

 

Mega-Trends: Nachhaltigkeit, Sicherheit, Flexibilität

Werfen wir einen kurzen Blick auf die Mega-Trends. Mega-Trends sind Strömungen, die sich über mehrere Jahrzehnte hinziehen. Sie manifestieren sich im ganzen gesellschaftlichen Umfeld, überlagernd oder zeitversetzt. Sie können widersprüchlich sein und sich sogar gegenseitig ausschließen. Umso wichtiger ist es für uns, unsere Kunden und ihre Bedürfnisse einordnen zu können.

Nachhaltigkeit und damit einhergehend Ökologie und Gesundheit sind immer und nach wie vor wichtige Themen. Während wir auf im großen Stil wiederverwendbare Baustoffe und Materialien noch warten müssen, sind neue Beschichtungsstoffe entstanden, bei denen fossile Rohstoffe nach und nach durch nachwachsende Rohstoffe ersetzt werden. Standard sind gänzlich Konservierungsmittel, emissions- und weichmacherfreie Farben. Das hochtechnisierte Smart Home, vollgepackt mit digitalen Möglichkeiten, ein Haus intelligenter, effizienter und sicherer zu machen, ist ein ungebrochen großes Thema, das sich rasant weiterentwickelt. Das Systematische zeigt sich auch in der Organisation der Einrichtungen. Küchen werden modularer und können so den unterschiedlichsten Raumangeboten angepasst werden. So genannte »Tiny Homes« zeigen auf eindrückliche Weise, wie man dem beschränkten Platzangebot in urbanen Strukturen mit Kreativität die Stirn bieten kann.

Naherholungsgebiet Nr. 1

So aufschlussreich tituliert Farb- und Trendforscher Axel Venn unseren heutigen Anspruch an das Wohnen. Wir messen dem Wohnen Werte wie Sicherheit, Komfort und Status bei. Denn unsere eigenen vier Wände sind nicht nur ein säuberlich gestapelter Haufen Steine, sie sind das Nest, die Burg, unser Rückzugsort. Unser Platz, an dem wir leben, Freunde und Familie treffen. Hier kultivieren wir die Erinnerungen an unsere Herkunft, an unsere Vorfahren. Hier gehören wir hin, von hier aus können wir hinaus in die Welt, sogar ohne es zu verlassen.

Fazit: Das sind die Interiortrends 2019 

Was bedeutet das alles nun für unsere tägliche Praxis als Gestalter von Böden, Decken und Wänden? Was ist neu, was ist ungebrochen aktuell?

Die eher matten, wolkigen, fugenlosen Oberflächen für Wände und Böden sind immer noch ein starkes Thema. Doch die Produkte haben sich stark weiterentwickelt. Metallische Beschichtungen sind und bleiben ein Trend, der viel Potenzial besitzt, wobei sich die Oberflächenqualität hier – analog zu Tischbeinen und Couchfüssen – in Richtung brünierte oder künstlich gealterte Metalle ändert. Rost, Silber und Alu sehen wir in nächster Zeit eher seltener. Glänzende Lacke werden wieder beliebter, Holz wird uns in rauer Optik begegnen und möchte seinen naturbelassenen Look behalten. Lehm, Kalk und Co. sind die Alternativen zu den Standardfarben und die eigentlich historische, silikatgebundene Beschichtung ist wieder brandaktuell.

Die Tapete ist geprägt von 3D-Effekten, expressiven Prints und individualisierten Designs à la Elli Popp. Auch hier stehen technische Weiterentwicklungen der Materialien im Vordergrund. Mit speziellen 2K-Beschichtungen versehen finden wir die Blümchentapete nun auch in der Dusche. Die Spanndecke wandert an die Wand, wobei hier dann auch gewebtes, natürliches Material zum Einsatz kommt. Unterschiedlichste LED-gestützte Möglichkeiten zur indirekten Beleuchtung werden als Stuckprofile wie auch im Trockenbaubereich als Komplettsysteme angeboten.


Die Autorin

Wohnen ist ein Grundbedürfnis!

»Vor vielen Jahren philosophierte ich mit einem völlig Fremden über den Wert meiner Arbeit. Geknickt darüber, dass ich keine Leben rette, erzählte ich ihm von meiner Angst, dass ich etwas Sinnfreies, Nutzloses tue. Er konnte das gar nicht verstehen und sagte etwas, das seitdem fest in meinem Kopf verankert ist: ›Shelter is a necessity.‹ – Wohnen ist ein Grundbedürfnis. Im besten Sinn verkaufen wir Wohlbefinden und befriedigen das Bedürfnis nach Identifikation, nach Schutz, nach Heimat. Und das ist doch ganz wunderbar!« Eva-Maria Knoth