Integration in der Ausbildung

Das Handwerk braucht die überwiegend jungen Zuwanderer und Flüchtlinge, das betonen Verbände und Betriebe. Die neuen Azubis sind motiviert, selbstständig und haben ein gutes Durchhaltevermögen. In der Umsetzung und Integration kann es Hürden geben, die es zu meistern gilt. Lesen Sie, welche Erfahrungen Malerbetriebe bislang gemacht haben, was Verbände fordern und welche Initiativen Hilfe bieten.

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Vor über einem Jahr, als die Mappe das Thema Zuwanderung schon einmal beleuchtete, war es noch schwer, Malerbetriebe zu finden, die bereits Erfahrungen mit geflüchteten Menschen hatten. Nun gibt es einige Kollegen, von denen nicht wenige mit ihren neuen Azubis im Internet und Fernsehen oder in überregionalen Printmedien vorgestellt wurden. Und es werden mit Sicherheit mehr, denn die jungen Menschen sind eine Chance für das Handwerk, und das Handwerk ist eine Chance für die Jugendlichen.

Menschen Schutz und Arbeit geben

Handwerksbetriebe, die in der Regel Familienbetriebe sind, sind ideal für Menschen, die hier ankommen und viel oder alles verloren haben und soziale Wärme brauchen. »Es ist unsere gesellschaftliche Pflicht, die jungen Menschen zu integrieren und auszubilden«, sagt Malermeister Martin Bauermeister, der den jungen Somalier Abdi ausbildet und voll des Lobes ist. Für Stefan Schmidtwilken, der mit seinem jungen ebenfalls somalischen Azubi Ali auch sehr zufrieden ist, sind Zuwanderer Menschen wie du und ich, denen wir Schutz bieten müssen und die wir brauchen. Er rät Malerkollegen bei der Entscheidung, einen Flüchtling einzustellen »nicht viel nachzudenken, sondern es einfach zu machen.« Das ist sicher nicht immer leicht, so manche bürokratische Hürde ist zu nehmen, und eine mögliche Abschiebung kann sehr belasten, wie bei Abdi. Und leider gibt es auch rassistische Anrufe in Betrieben, die Flüchtlinge beschäftigen, sodass die Betriebsinhaber keine öffentliche Berichterstattung mehr wünschen.

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Der junge Somalier Ali ist glücklich, bei Malermeister Stefan Schmidwilken eine Ausbildung machen zu dürfen

Ausbildung ist der Schlüssel zur Integration

»350.000 Flüchtlinge jährlich sind für den deutschen Arbeitsmarkt rein quantitativ derzeit kein Problem, denn jährlich entstehen rund 700.000 Arbeitsplätze neu«, sagte BA-Vorstand Detlef Scheele Anfang Februar der Zeitung »Die Welt«. Das Institut für Arbeitsmarkt- und Berufserforschung (IAB) berichtet, dass zwar viele Asylbewerber hohe Bildungsabschlüsse besitzen, der Anteil ohne abgeschlossene Berufsausbildung aber sehr hoch ist. Man müsse berufsbegleitend etwas für diese Menschen tun, damit sie einen Aufstieg haben können. Angesichts des geringen Durchschnittsalters – 55 Prozent der Flüchtlinge sind unter 25 Jahre – besteht ein erhebliches Potenzial, das durch Investitionen in Bildung und Ausbildung qualifiziert werden kann.

Das Handwerk braucht Gewissheit

Seit 1. Juni können junge Flüchtlinge in den 500 überbetrieblichen Bildungsstätten des Handwerks eine zielgenaue Vorbereitung auf eine betriebliche Ausbildung erhalten, geplant ist dies für vorerst 10.000 Teilnehmer. Das Förderprogramm ist Teil der gemeinsamen Initiative »Wege in Ausbildung für Flüchtlinge«, die von der Bundesministerin für Bildung und Forschung, Johanna Wanka, mit dem Vorsitzenden des Vorstands der Bundesagentur für Arbeit,  Frank-Jürgen Weise, und ZDH-Präsident Hans Peter Wollseifer am 5. Februar 2016 vereinbart wurde. Wollseifer sagte auf der Bundespressekonferenz zur »Qualifizierungsinitiative für junge Flüchtlinge« im Februar in Berlin: »Humanitäres Engagement und gesellschaftliche Verantwortung haben im Handwerk Tradition. Auch kleine Betriebe bilden Flüchtlinge aus – eine große Aufgabe neben den täglichen Anforderungen. Sie können daher keine zusätzlichen bürokratischen Hürden brauchen, keine emotionalen Belastungen, wenn ihr Schützling um die Duldung bangt. Sie wollen mit dem Auszubildenden für den Betrieb in eine gute gemeinsame Zukunft investieren.» Deswegen sei es wichtig, so Wollseifer, was nach den jüngsten Ankündigungen der Koalition nun umgesetzt werden sollte. Es müsse Gewissheit darüber geben, dass jeder Flüchtling, der eine Ausbildung beginnt, diese auch zu Ende führen und danach für zwei Jahre arbeiten könne.

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Malermeister Martin Bauermeister ist mit Abdi, seinem Azubi im 1. Lehrjahr hoch zufrieden

»Abdi ist ein Geschenk.

Gerade war wieder das Fernsehen hier«, sagte Malermeister Martin Bauermeister zu Beginn des Mappe-Interviews Ende März. Doch es war nicht wie sonst ein Bericht über die Erfolgsgeschichte des somalischen Flüchtlings Abdifitah Mohamud Elmi, kurz »Abdi« genannt, sondern die Schilderung eines Leuchtturmprojekts. Der 19-Jährige ist Azubi im ersten Lehrjahr im Malerbetrieb Bauermeister GmbH & Co. KG im niedersächsischen Bahrdorf. »Abdi soll abgeschoben werden«, empört sich Bauermeister. Das BAMF hat dem hoffnungsvollen jungen Mann ein Schreiben geschickt, dass er binnen 30 Tagen das Land verlassen und nach Somalia zurückkehren soll – und das, obwohl Martin Bauermeister die Zusage hatte, dass der Ausbildungsvertrag Abdi vor einer Abschiebung schütze. »Abdis Vater wurde erschossen, seine Mutter hat alles verkauft, was sie hatte, damit ihr 13-jähriger Sohn fliehen konnte und nicht von der Miliz als Kindersoldat rekrutiert wird. Seine Schwester ist an einer Krankheit gestorben, weil kein Geld für Medikamente da war. Die Mutter lebt jetzt in einem Slum in Mogadischu«, umreißt Bauermeister kurz das harte Schicksal von Abdi, der als unbegleiteter minderjähriger Flüchtling nach Deutschland kam. Es wird nun alles getan, damit der junge Somalier bleiben darf.
Auch für Martin Bauermeister ist die angedrohte Abschiebung unbegreiflich: »Wenn sich jemand so vorbildlich um Integration bemüht wie Abdi das tut, dann sollten wir dankbar sein.« Doch die Integrationsleistung ist für den Asylbescheid leider unerheblich. Zwei Wochen später gab es vorerst Entwarnung: Der 1. Kreisrat des Landkreises Helmstedt hatte mündlich zugesagt, dass es keine Abschiebung geben werde. Das Land Niedersachsen schiebt im Gegensatz zum Bund aufgrund der Kriege und der Menschenrechtssituation nicht nach Somalia ab.
»Wir brauchen die Flüchtlinge und es ist unsere gesellschaftliche Pflicht, die jungen Menschen zu integrieren und auszubilden. Aber dazu braucht es verlässliche Rahmenbedingungen, wir brauchen die Allgemeingültigkeit«, sagt Bauermeister.
»Abdi ist ein Geschenk! Er ist hoch motiviert, talentiert und intelligent, und er ist immer freundlich, pünktlich und fröhlich. Ein Lehrling, wie man es sich nur wünschen kann. Seit fünf Jahren hatte ich keinen solchen Azubi mehr«, freut sich Martin Bauermeister.

»Nicht viel nachdenken, einfach machen.«

Malermeister Stefan Schmidtwilken aus Osnabrück ist aus Presse und Fernsehen bekannt, seit bei ihm die beiden Flüchtlinge Ali Mohamed Sharif aus Somalia und ein 40-jähriger Syrer im September 2015 ihre Ausbildung zum Maler und Lackierer begonnen haben. »Ich verstehe diese große Medienaufmerksamkeit nicht, für mich ist das nichts Besonderes. Ich bilde junge Menschen aus, die für das Malerhandwerk geeignet sind, da kommt es nicht auf die Hautfarbe oder Herkunft an«, sagt Schmidtwilken zu Beginn des Interviews. Er führt den 1958 gegründeten Malerbetrieb mit 15 Mitarbeitern in zweiter Generation und ist auch Restaurator und Gestaltungstechniker.
Der junge Somalier Ali ist seit zwei Jahren in Deutschland. Er ist vor dem Bürgerkrieg geflohen und hat sich rasch integriert, er hat Sprachkurse aus eigener Tasche gezahlt und einen Integrationskurs mit dem Ergebnis »sehr gut« abgeschlossen. Ali ist seit kurzem mit einer deutschen Frau türkischer Abstammung verheiratet, was bedeutet, dass er in Deutschland bleiben kann. Seine Ausbildung ist gesichert, er ist motiviert und auch in der Berufsschule klappt es gut, berichtet Schmidtwilken. »Er lernt gut und bekommt Stützunterricht. Es freut ihn, dass sein Azubi pünktlich jeden Freitag seinen Wochenzettel abgibt, sein Berichtsheft sehr sorgfältig und zuverlässig führt und pünktlich überreicht. Ali kam über die Handwerkskammer in den Betrieb, wo er zunächst ein einwöchiges Praktikum absolvierte. »Ich habe dann schnell gesehen, dass er geschickt und motiviert ist, und auch sehr eigenständig arbeitet – eine Eigenschaft, die vielen deutschen Jugendlichen heute fehlt. Die sind einfach verwöhnt«, beschreibt der Meister, der jedes Jahr mehrere junge Menschen ausbildet. Ali kommt auch bei den Mitarbeitern und Kunden gut an, manche Kunden kennen ihn schon aus den Medien.

Informationen zur Beschäftigung von Flüchtlingen

Der ZDH hat umfassende Informationen zur Beschäftigung und Ausbildung von Flüchtlingen. Unternehmen können hier auch Kontakt mit den Willkommenslotsen aufnehmen. Außerdem gibt es eine Liste der Projekte der Handwerksorganisationen zur Ausbildung und Beschäftigung von Flüchtlingen.

  • Die Internetseite des Bundesamts für Migration und Flüchtlinge (BAMF) bietet Informationen zum Zugang zum deutschen Arbeitsmarkt für Flüchtlinge.
  • Allgemeine Informationen und Erläuterungen des Asylverfahrens in Deutschland enthält diese umfassende Informationsbroschüre des BAMF www.bamf.de
  • Die Minijobzentrale bietet auf ihrer Internetseite spezielle Informationen zur Beschäftigung von Flüchtlingen in Minijobs. www.minijob-zentrale.de
  • Die von der Charta der Vielfalt herausgegebene Broschüre »Flüchtlinge in den Arbeitsmarkt« gibt einen guten Überblick über die aktuellen Rahmenbedingungen für die Ausbildung und Beschäftigung von Flüchtlingen. www.charta-der-vielfalt.de
  • Das Kompetenzzentrum Fachkräftesicherung (KOFA) hat in einem umfassenden Dossier alles zusammengestellt, was Unternehmen wissen müssen, die Flüchtlinge beschäftigen möchten. www.kofa.de

»Chance Bauberuf«

So lautet der Titel eines Projekts des Stuckateurverbands Baden-Württemberg, mit dem Migranten und Flüchtlinge eine Ausbildung in einem Bauberuf absolvieren können. Erfahren Sie hier mehr über das Modellprojekt. 

Fotos: William87/Fotolia, Stefan Schmidtwilken, Martin Bauermeister