Integration – die selbe Sprache sprechen

Der Landesinnungsverband des Maler- und Lackiererhandwerks Baden-Württemberg berichtet: Laut den neuesten Erkenntnissen bei der Ausbildung im Handwerk werden viele junge Menschen aus dem Ausland ihre Abschlussprüfungen voraussichtlich nicht bestehen. Dies liegt vorwiegend an unzureichenden Deutschkenntnissen.

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Große Hürde für erfolgreiche Abschlussprüfung: Die Deutschkenntnisse

Schlechte Chancen für die Gesellenprüfung

Felix Winkler, Leiter der Schule für Farbe und Gestaltung in Stuttgart und geschäftsführender Leiter aller beruflichen Schulen Stuttgarts, hat jüngst auf alarmierende Ergebnisse einer Studie hingewiesen. Demnach haben viele Jugendliche mit Migrationshintergrund, die sich momentan in handwerklicher Ausbildung befinden, mit ihren Deutschkenntnissen keine realistische Chance, die Gesellenprüfung zu bestehen. Schulische Experten sind sich einig, dass es mit einem niedrigen Sprachniveau von B1 sehr schwierig wird, die Prüfung im theoretischen Teil zu bestehen. Bei einem Niveau unter B1, also sehr geringen Deutschkenntnissen wie A1 oder A2, ist dies praktisch aussichtslos. Jedoch sind 38 Prozent der Jugendlichen mit Migrationshintergrund, die aktuell die Berufsschule besuchen, im Sprachniveau A1 bis A2 einzustufen. Weitere 50 Prozent sind als B1 einzustufen.

Wir berichteten bereits in der Vergangenheit über die Möglichkeiten, Jugendliche mit Migrationshintergrund im Handwerk zu integrieren, aber auch über die Hürden, die hier noch zu nehmen sind – gerade in der sprachlichen Ausbildung: www.mappe.de/ein-ausbildungsvertrag-ist-noch-keine-integration

Der Bildungsausschuss des Landesinnungsverbands des Maler- und Lackiererhandwerks Baden-Württemberg hat bestätigt, dass die jungen Menschen in den Betrieben meist gut zurecht kommen. Deshalb war das sich abzeichnende massive Problem in der schulischen Prüfung durchaus eine Überraschung. Es wurde jedoch die Einschätzung bestätigt, dass die Sprachkenntnisse der meisten Jugendlichen mit Migrationshintergrund zwar für die Praxis, wohl aber nicht für die Theorie ausreichen würden. Der Landesinnungsverband berät mit den zuständigen Gremien und im Baden-Württembergischen Handwerkstag (BWHT), wie ein massenhaftes Scheitern bei den kommenden Prüfungen vermieden werden kann.

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Deutschkenntnisse von mindestens B1 sind essentiell

Prüfungsniveau senken ist keine Option, Förderung schon

In der Prüfung muss entsprechendes Wissen und Können nachgewiesen werden, nur so ist das Qualitätsmerkmal einer Gesellenprüfung von dauerhaftem Wert. Sicher ist es richtig, mit vereinten Kräften an den Deutschkenntnissen der Jugendlichen zu arbeiten, die sich bereits in Ausbildung befinden. Ziel muss es nun sein, die jungen Leute zum Bestehen der Prüfung zu führen. Herr Winkler fordert als Schulleiter deshalb »Aufrüstung« in den entsprechenden Bereichen. Dies betrifft zwar in erster Linie den schulischen Bereich, dennoch ist es wichtig, dass der Ausbildungsbetrieb diese Bemühungen unterstützt. Ein weiterer Berufsschultag zum Deutschlernen ist ein Vorschlag von Herrn Winkler. Durch Zustimmung zu einer solchen Freistellung und Interesse an den schulischen Leistungen kann der Betrieb dazu beitragen, dass die eigenen Auszubildenden ihre Lehrzeit erfolgreich abschließen können und eine Zukunft im Handwerk haben.

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Ein weiterer Berufsschultag zum Deutschlernen ist eine Option

Wie Malerbetriebe bereits erfolgreich Jugendliche mit Fluchterfahrung in ihrem Betrieb integriert haben und welche Hürden es zu nehmen gilt, erzählen Betriebsinhaber hier: www.mappe.de/so-sieht-integration-im-malerhandwerk-aus

Sprachniveau beachten

In den bisherigen Diskussionen wurde allerdings bereits deutlich: Ausbildungsbetrieben scheint weithin nicht klar zu sein, wie wichtig sprachliche Förderung bei der Ausbildung von Jugendlichen mit Migrationshintergrund ist. Zur Orientierung dienen hier die sog. »Sprachniveaus« – siehe Definition der Niveaustufen des GER (Gemeinsamer Europäischer Referenzrahmen). Für zukünftige Ausbildungsverhältnisse mit Nicht-Muttersprachlern wird angeraten, das Sprachniveau vor Abschluss des Ausbildungsvertrags abzufragen und auf Plausibilität zu kontrollieren. Bei einem festgestellten Sprachniveau unter B1 wird von einem Beginn der Ausbildung zunächst abgeraten, da die Deutschkenntnisse für einen erfolgreichen Abschluss kaum ausreichen werden. Eine Alternative wäre es, dem Jugendlichen zunächst eine Praktikumsstelle anzubieten und ihm so genügend Zeit für den Besuch von Sprachschulen zu ermöglichen. Unter der Auflage, sein Sprachniveau zu verbessern, kann dem Ausbildungswilligen ein Vertrag in Aussicht gestellt werden. Auch wenn Fachkräfte dringend benötigt und rar gesät sind, gilt hier von Seiten der Betriebe, Verantwortung zu übernehmen.

Hier gibt es eine Übersicht zu aktuellen Förderinitiativen für Betriebe, die Jugendliche mit Migrationshintergrund integrieren möchten oder dies bereits getan haben: www.mappe.de/förderinitiativen-integration-im-Betrieb

Gesellschaftliche Komponente

Weiterhin gibt es eine ganze Reihe von Folgewirkungen, z. B. die Frage, wie man eine Klasse angemessen unterrichtet, wenn die Sprachkenntnisse der Schüler »von 0 bis 100« reichen. Dies sind Fragen, die gelöst werden müssen, soll das Gewerk nicht weiter an Image verlieren. Die Dramatik der Situation wird eindeutig, wenn man weiß, dass allein in Stuttgart mehrere hundert Azubis im Handwerk in 2019 und 2020 regulär zur Gesellenprüfung anstehen. Bei nicht wenigen von ihnen hängt an der Ausbildung auch die »Duldung«, also der Schutz vor Abschiebung.

In der Juli-Ausgabe 2018 der Mappe finden Sie im Brennpunkt die ganze Diskussion inklusive einer großen Übersicht mit Beispielen zu Fördermöglichkeiten: www.mappe.de/mappe-im-juli-2018