Fassadengestaltung mit Grenzen

Sollte einfach alles erlaubt sein, ist es die Freiheit des Einzelnen an seinem Haus, an seiner Fassade machen zu können, was er will? Oder zählt bei der Fassadengestaltung nicht vielmehr das Gesamtbild, die Wirkung auf die Gemeinschaft? Mit dieser Problematik beschäftigen sich Wissenschaftler, Planer und die Farbenhersteller, aber auch Städte und Gemeinden, die konkret davon betroffen sind. Dazu gibt es wissenschaftliche Abhandlungen, die das Thema philosophisch-analytisch angehen und den gesellschaftlichen Zusammenhang in den Mittelpunkt ihrer Betrachtungen stellen. Wann gefällt etwas der breiten Masse und wann wird eine Fassadengestaltung zur Verunstaltung?

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Verunstaltungsabwehr Interessant sind die Interpretationen und Erläuterungen zur niedersächsischen Landesbauordnung (NBauO), die Studierende der Niedersächsischen Fachhochschule für Verwaltung und Rechtspflege aus Oldenburg unter Prof. Heuer in einer Broschüre zusammengefasst haben, welche auch im Internet veröffentlicht ist. Grundsätzlich regeln ja die Landesbauordnungen das Bauen in den einzelnen Bundesländern und somit auch die Fassadengestaltung. In der niedersächsichen Landesbauordnung ist in § 53 NbauO verankert, dass bauliche Anlagen das bestehende oder geplante Straßen-, Orts- oder Landschaftsbild nicht verunstalten dürfen. Die Erläuterungen der Oldenburger Studenten hierzu lauten: »§ 53 NBauO dient der Verunstaltungsabwehr. Eine Verunstaltung ist ein hässlicher, das ästhetische Empfinden des Betrachters nicht bloß beeinträchtigender, sondern verletzender Zustand. Maßgebend ist nach der Rechtsprechung das Empfinden jedes für ästhetische Eindrücke offenen Betrachters, also des so genannten gebildeten Durchschnittsmenschen.«
Dazu schrieb Gerrit Manssen in seiner Dissertation zur Erlangung des Doktorgrades der Juristischen Fakultät der Universität Regensburg bereits 1990: »Der gebildete Durchschnittsbetrachter ist nicht mehr als der Repräsentant einer hinreichend breiten Masse potentieller Betrachter, die durch den Anblick eines verunstaltet wirkenden Gebäudes in hinreichend qualifiziertem Maß betroffen, also ›verletzt‹ werden, oder in denen ›Unlust‹ erregt wird. Käme es zu solchen Wirkungen nur bei wenigen ›geschulten‹ Betrachtern, würde dies für eine eigentumsbeschränkende Regelung nicht ausreichen.« Das hieße, wenn sich nur wenige an einem knallgrün beschichteten Gebäude stören, dann reicht das nicht aus, um hier Vorschriften zu machen. Und wie steht es mit der im Grundgesetz Art. 5 Abs. 3 verankerten Kunstfreiheit? Hier argumentieren die Studenten, dass daraus nicht gefolgert werden könne, dass der Urheber eines Baukunstwerks einen Rechtsanspruch auf Befreiung vom Verunstaltungsverbot habe.

Wann verunstaltet ein Gebäude die Umgebung? Nach Meinung der Oldenburger Studenten wirken »Bauten oder Bauteile nach der Rechtsprechung verunstaltet, wenn ihre Proportionen, Werkstoffe oder Farben so disharmonisch geraten sind, dass sie das ästhetische Empfinden des Betrachters verletzen. Die Verunstaltung, die § 53 NBauO verbieten will, resultiert in den weitaus meisten Fällen nicht aus misslungenem baukünstlerischen Bemühungen, sondern aus mangelndem Interesse an der Gestaltung, schlichtem Streben nach Kostenersparnis, Bequemlichkeit oder handwerklichem Unvermögen. Ein Bauwerk verunstaltet die Umgebung insbesondere dann, wenn es sich nicht in sie einfügt, sondern in einem ›belastenden‹, ›Unlust erregenden‹ Gegensatz zu ihr steht.
Das ist z. B. der Fall, wenn seine Farben einen hässlichen Kontrast zur Umgebung bilden, wenn es durch seine unmaßstäbliche Größe benachbarte Bauten sozusagen ›erschlägt‹ oder wenn es von einer Auffälligkeit ist, die im Verhältnis zu seiner Bedeutung grob unangemessen ist und aufdringlich wirkt. Je schöner, wertvoller oder empfindlicher die Umgebung ist, umso sorgfältiger und rücksichtsvoller sind die Bauwerke zu gestalten. Verunstaltet wirkt ein Bau aber auch in einer Umgebung, die schon weitgehend missgestaltet ist, wenn er dazu beiträgt, dass ein öder, monotoner oder auf eine andere Weise psychisch belastender Gesamteindruck entsteht oder verstärkt wird.«

Farbmasterpläne für individuelle Stadtbilder Prof. Markus Schlegel und Gerhard Fuchs von der HAWK in Hildesheim sind Herausgeber der Abhandlung »Stadtfarben« in der Schriftenreihe Lebendige Stadt. Sie schreiben einleitend: »Bisher wird das spezifische Thema der Farbigkeit, und hier ist nicht nur das Beschichtungssystem gemeint, oft als persönliche Ansichtssache und daher als wenig planbar nur sekundär oder gar nicht beachtet.« Die Autoren berufen sich weiter auf Egon Schirmbeck, der in »Gestaltungskonzepte im 20. Jahrhundert« schreibt: »In der Geschichte der Architektur zeigt sich dagegen immer wieder die herausragende Bedeutung der Inszenierung von Räumen und dies geht schlicht nicht, ohne dass Farbigkeit geplant ist.«
In der Veröffentlichung wird auch ein Verlust der identitätsbildenden Farbigkeit der Städte beklagt: »Das, was einige große Städte an identitätsbildenden Zeichen geschaffen haben, gestalten heute national und international große Unternehmen durch Architektur und Farben. ›Brandland‹ nennt sich diese Form von Markenarchitektur, die natürlich bewusst auch auf Material und Farbe setzt. ›Marketing-Architektur‹ besetzt einfach Farbcodes, wie bei Ikea Gelb-Blau. Dann müsste man gerade dort die städtische Identität auch durch einen originären, eigenständigen Farbcode senden.« Diesen zu entwickeln ist Sache der Farbmasterplanung, deren Hintergründe und Entwicklungsprozesse in der Veröffentlichung »Stadtfarben« erläutert wird.

Farbtupfer in Städten, was ist erlaubt? Im Januar dieses Jahres ging es in der Abendzeitung München online um auffallend bunt beschichtete Objekte in München. Die Zeitung hatte einen Redakteur und eine Fotografin losgeschickt, die Farbtupfer in der Bayernmetropole ausfindig machen sollten – eines war das grüne Haus eines Online-Versandhauses. Die Objekte wurden unter dem Titel »Farbige Fassaden: So bunt kann München sein« vorgestellt. Nicht alle Leser teilten die positive Darstellung der Zeitung.
Online fragte ein User: »Bunt ist selbstverständlich besser als grau, aber wie weit darf die Buntheit gehen? Bunt um jeden Preis? Ich weiß nicht.« Ein anderer empörte sich: »Trips, Drops, Kaugummis – mehr solche prollige brombeerfarbene Geschmacksverirrungen oder schrille Graffiti-Hütten… und es wird in Kürze eine Augenkrebs-Epidemie geben. Da hat die Kommune schlicht eine gewisse Fürsorgepflicht!« Das ist richtig, die Kommunen können Farbleitpläne oder Stadtbildsatzungen für Ortsteile erstellen, wobei es sich häufig um historische Ortskerne handelt.

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Farbgestaltung mit Farbleitplänen Für geschützte Gesamtanlagen nach § 19 Denkmalschutzgesetz können örtliche Bauvorschriften nach der Landesbauordnung erlassen werden. Diese können wahlweise entweder allgemeiner gehalten sein oder sehr konkret. In der Gemeinde Staufen beispielsweise heißt es: »Bei der Farbgebung ist insbesondere auf die Gesamtwirkung des Straßenraums, auf dominierende Gebäude und unmittelbare Nachbarhäuser Rücksicht zu nehmen. Es sind abgetönte Farben zu verwenden. Signalfarben, auffallend grelle oder glänzende Anstriche, sowie Lasurtechnik sind nicht zulässig.« Vielerorts haben die Gemeinden Farbleitpläne erstellt, die verbindlich sind, einige schreiben vor, dass bei der Neugestaltung von Fassaden die Farbgestaltung in Abstimmung mit der Gemeinde zu erfolgen habe, die zudem die Anbringung von Farbmustern verlangen könne, wie etwa in der Gemeinde Murr. Hier gibt es auch konkrete Ausschlusskriterien für die Farbgebung: An den Fassaden sind reinweiße, sehr helle oder intensive sowie schwarze oder sehr dunkle Farben nicht zulässig. Oder es wird beschrieben, was erlaubt ist, wie im Farbleitplan der Gemeinde Oberdürenbach (siehe Bild auf S. 41). Dort heißt es unter anderem, dass für den Neubau alle Farben von Weiß über Ocker und Grautöne bis hin zum Oxidrot für die Fassade verwendet werden können. Ausgeschlossen sind lediglich Blau- und Grüntöne auf größeren Flächen.
Mancherorts können sich Hausbesitzer die Originalfarbmuster bei der Gemeinde ausleihen und mit dem Maler besprechen. Oder eine kostenfreie Farbberatung in Anspruch nehmen, wie in der Gemeinde Hohenstein.

Den vollständigen Artikel finden Sie in der Juli-Ausgabe der Mappe 2014.

Bilder: Th. Reinhardt/pixelio.de; Mappe