Entsorgung von WDVS: Nach Gebrauch zurück?

Müllberge so hoch wie die Alpen« – mit solchen Aussagen versuchen Kritiker in deutschen Leitmedien, die Wärmedämmung von Gebäuden mit WDV-Systemen in Misskredit zu bringen. Vor dem Hintergrund, dass WDVS mit expandiertem Polystyrol (EPS) als Dämmstoff seit den 1970er-Jahren in großen Mengen erfolgreich eingesetzt werden und inzwischen viele WDVS der ersten Generation vor der Revision stehen, stellt sich tatsächlich die Frage, mit wie viel Abfall überhaupt zu rechnen ist und was denn mit den Systemen bzw. dem Dämmstoff nach der Lebensphase geschieht. Im Rahmen der Antragsforschung der Initiative »Zukunft Bau« des Bundesinstituts für Bau-, Stadt- und Raumforschung gingen das Fraunhofer Institut für Bauphysik Holzkirchen und das Forschungsinstitut für Wärmeschutz München diesen Fragen nach und legten erstmals eine belastbare Untersuchung zur Verwertung und Entsorgung von WDVS vor. Die Autoren berechneten unter anderem die zu erwartenden Mengen rückgebauter WDVS und analysierten mehrere Methoden für den Rückbau.

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Wohin mit dem ganzen Müll, wenn das Leben eines WDVS vorüber ist? Rohstoffe trennen und den EPS-Dämmstoff verbrennen – die ökologisch und ökonomisch sinnvollste Methode

Abfallmengen sind schwer vorhersehbar

Die Recherchen im Rahmen der Studie belegen ein sehr geringes Abfallaufkommen von EPS aus Wärmedämm-Verbundsystemen. Ein Grund dafür seien die Lebenszyklen der bestehenden WDVS, die ursprüngliche Annahmen teils weit übertreffen. Dennoch wird das Volumen natürlich in den kommenden Jahren und Jahrzehnten steigen. Eine verlässliche Zahlenbasis für die zu erwartenden EPS-Mengen gebe es bislang nicht, weshalb die Studienautoren eine eigene Prognose auf der Basis des verfügbaren Datenmaterials entwickelten. Daraus ergeben sich steigende EPS-Rückbaumengen aus WDVS, die perspektivisch bis 2050 etwa 50 Kilotonnen (1 kt entspricht 1 Mio. kg) pro Jahr erreichen könnten. Das entspräche etwa der zu erwartenden Jahresproduktionsmenge von EPS für WDVS und ist mit den bestehenden Kapazitäten zur Müllverbrennung leicht beherrschbar. Daher kommt die Studie zu dem Schluss, dass die energetische Verwertung für die kommenden zehn bis 20 Jahre eine ökologisch und ökonomisch sinnvolle Verwertungsmethode darstellt.

Was möglich ist: rückbauen und ertüchtigen

Wenn heute WDVS-Fassaden rückgebaut werden, das WDVS also entfernt wird, kann dies konventionell oder selektiv erfolgen. Konventionell heißt, dass schwere Maschinen eingesetzt werden. Allerdings vermischen sich dabei die unterschiedlichsten Bau- und Dämmstoffmaterialien, sodass für die Trennung und Rückgewinnung verwertbarer Materialien zusätzlicher Aufwand nötig wird. Favorisiert wird deshalb der selektive Rückbau, der zwar arbeitsintensiver ist, aber eine rechtzeitige Trennung der einzelnen Fraktionen ermöglicht, z. B. durch manuelles, maschinelles und thermisches Entschichten sowie durch Abfräsen. Die Studie empfiehlt allerdings keine bevorzugte Methode, erleichtert aber die Entscheidung für eine jeweils geeignete.

Häufiger Rückbaugrund ist die Tatsache, dass ältere WDVSysteme aktuellen Erfordernissen nicht mehr entsprechen. Um Abfall zu vermeiden, wird in solchen Fällen die Aufdopplung durch eine zusätzliche Dämmschicht empfohlen. Die Nutzungsdauer des WDVS könne so auf einen Zeitraum von 40 bis zu 120 Jahren ausgedehnt werden. Freilich wird dadurch der Rückbau nur hinausgeschoben.

Was möglich ist: verwerten

EPS-Abfälle aus WDV-Systemen können werkstofflich, rohstofflich und energetisch verwertet werden. Vor allem die letztgenannte Option hat Zukunft, denn die werkstoffliche Verwertung (Recycling) wird nach der bevorstehenden Gefahreneinstufung des bislang verwendeten Flammschutzmittels HBCD kaum mehr angewendet werden. Nur alte EPS-Platten ohne Flammschutzmittel können und dürfen demnach zu Recyclingplatten etwa für die Fußboden- oder Perimeterdämmung aufbereitet werden. Für die übrigen Bestände ist dann nur noch eine energetische Verwertung möglich. Dafür können die kommunalen Anlagen zur Müllverbrennung genutzt werden. Ein Großversuch im Rahmen des Forschungsprojekts zur Verbrennung von EPS und XPS gemeinsam mit festem Restmüll ergab, das die gemessenen Schadstoffkonzentra-tionen unter den Grenzwerten lagen. Das Flammschutzmittel HBCD wird dabei vollständig zerstört. Die rohstoffliche Verwertung, die Trennung des Flammschutzmittels vom Polystyrol und die Rückgewinnung von Brom in einem separaten Prozess, ist derzeit kommerziell nicht nutzbar.

Hausaufgaben bei WDVS

Die am Projekt beteiligten Wissenschaftler bewerten die Aufdopplung als Methode mit dem geringsten Abfallaufkommen und geben ihr den Vorzug vor dem Rückbau, wobei das Problem allerdings nur hinausgeschoben wird. Die Verbrennung wird als Zwischenlösung angesehen, ebenso eine herstellerübergreifende Positivkennzeichnung von EPS zur Unterscheidung von HBCD-haltigem und HBCD-freiem EPS sowie ein entsprechender Schnelltest für den verlässlichen Einsatz auf der Baustelle.

Langfristig regen die Wissenschaftler daher die Entwicklung rückbaufreundlicher WDVS an, etwa mit EPS-Recyclatprodukten, temporären Klebstoffen oder Klettverschlüssen. Sinnvoll seien auch bessere Maschinen und Werkzeuge, die den Rückbau erleichtern. Langfristigen Forschungsbedarf sehen die Wissenschaftler auch bei der Weiterentwicklung rohstofflicher Verwertungsverfahren an, denn auch künftig sei mit steigenden Preisen für Erdöl, dem EPS-Rohstoff, zu rechnen und die Verfahren im kommerziellen Maßstab die natürlichen Ressourcen langfristig deutlich schonen könnten.

Das Projekt zeigt also Ansätze auf, wie künftig mit WDVS nach ihrem nutzbringenden Dasein umzugehen ist. Die Aussagen, dass dabei Müllberge so hoch wie die Alpen entstünden, wurden ins Reich der Fantasie verwiesen.

Bild: Fachverband WDVS, FIW München, Forschungsinitiative Zukunft BAU, Fraunhofer IBP, Industrieverband Hartschaum, Qualitätsgruppe