Mappe-Geschichte: Die Hummel und der Pinsel

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Dass es zwischen Malern und Architekten auch früher schon Unstimmigkeiten gab, zeigt dieser alte Beitrag aus der MAPPE 1913.

Durch die großen Fenster eines neuen Schulhauses leuchtet die Morgensonne und füllt mit ihrem Licht den langen Korridor. Vor einer Fensterscheibe fliegt irrend eine dicke Hummel, ihr monotones Liedchen summend, in dessen Melodie das leise Rauschen eines Pinsels tönt, der munter an einer Tür auf und nieder, kreuz und quer entlang gleitet. Und wo er seine Bahnen zieht, lässt er als Spuren seiner Tätigkeit eine stark nach Terpentin riechende weisse Farbe hängen. Drei Finger umfassen seinen Stil und lenken ihn bald hierhin, bald dorthin; holen ihn oft zurück, um Flüchtiges zu verbessern, und lenken ihn dann wieder in kühnem Schwunge durch die Luft in einen Farbtopf. Schnell füllt sich der Pinsel und wieder schwingt er empor, um seine Arbeit fortzusetzen. Die drei Finger sitzen an der rechten Hand eines Malers, der nun schon bei der vierten Tür den Pinsel seine Arbeit verrichten lässt.

Eine Tür geht plötzlich auf, herein tritt rasch ein großer junger Mann, dessen Kopf ein tiefschwarzer Künstlerschlapphut bedeckt und dessen Glieder eine lange Pelerine umflutet. Scharf und schneidend klingt seine Stimme durch den Raum, als er zu sprechen beginnt: »Was machen Sie denn da, wie?«

Die Hummel erschrickt, bricht ihr Lied ab und setzt sich auf eine Fenstersprosse, um neugierig hinab zu sehen auf das, was kommt.

Der Pinsel, der sich soeben wieder gefüllt hatte, bleibt diesmal zwischen Topf und Tür hängen.

»Habe ich nicht ausdrücklich befohlen: die Türen sollen mit einer gut glänzenden Ölfarbe gestrichen werden, damit man sie eventuell so stehen lassen kann oder sie dann noch einmal mit einer weißen Emaillefarbe überziehen kann, und nun werden sie mit einer matten Farbe gestrichen, wie?«

»Wie dumm, dumm, dumm«, brummt schüchtern die Hummel.

Der Pinsel spuckt verächtlich aus. Ein Tropfen Farbe kleckst auf den Fußboden.

»Wo ist Ihr Meister, wie?«

»Dort kommt er soeben.«

Der Malermeister kommt den Korridor entlang und zieht den Hut: »Guten Morgen, Herr Architekt!«

»Morg’n – Herr Malermeister, ich habe Ihnen doch ausdrücklich gesagt, Sie sollen die Türen mit fetter Oelfarbe streichen, die man stehen lassen kann, eventuell, falls der Glanz nicht genügen sollte, mit weisser Emaillelackfarbe noch einmal überziehen kann.«

»Herr Architekt, ich bitte sehr, das ist gelinde gesagt ein Unsinn. Als Fachmann kann ich Ihnen das versichern. Entweder das eine oder das andere. Eine Lackierung hat nur dann Wert, wenn sie auf einem mageren, harten Grund ausgeführt wird. Nur so ist dieselbe von Dauer.«

»Ich will es nun einmal so haben, Herr Malermeister. Unterzeichnen Sie, bitte, in Zukunft keinen Vertrag mehr, mit dessen Bestimmungen sie nicht in allen Punkten einverstanden sind.«

»Wie dumm, dumm, dumm«, brummt wieder die Hummel.

»Herr Architekt, ich weiß genau, was ich tue; denn ich muss für meine Arbeit Garantie leisten, und das kann ich nur, wenn man mir bei der Ausführung derselben freie Hand lässt.«

»Ich habe wirklich keine Zeit mehr, Herr Malermeister, mich hier mit Meinungsverschiedenheiten aufzuhalten. Wollen Sie, bitte, mit nach oben kommen wegen dem Wandton.«

»Sehr gern.«

Eine Tür fällt ins Schloss, die beiden gehen hinauf.

»Wie dumm, dumm, dumm«, beginnt wieder die Hummel und fliegt erzürnt ins Freie. Langsam wird der Pinsel gehoben und wieder an die Tür gedrückt. Doch die Laune ist ihm verdorben, er sträubt sich. Die drei Finger heben ihn hoch, damit ihn zwei Augen von allen Seiten scharf betrachten können. Und eine Stimme wird hörbar: »Hest, du Luder, ken Lust mehr, he!« Dann wandert er in die linke Hand, ein Messer blitzt und ritsch ist ihm die Leibbinde zerschnitten, die, gekürzt, wieder fest umwickelt wird. Wieder muss er jetzt Türen streichen, immer auf und ab, hin und her. Noch immer scheint die Sonne, nur die Hummel ist schon weit, weit geflogen.

Nach einer halben Stunde flog die Hummel wieder in ein grosses neues Haus hinein, an dem zwei Fenster offen standen. Diesmal befand sie sich in einem grossen Saal der neuen Kreditbank. Auch hier lenkte ein Maler einen Pinsel, um eine Holztäfelung dunkelgrau zu streichen. Die Hummel setzte sich ausruhend auf eine Fensterbank und horchte auf das Rauschen des Pinsels. Als sie eine Weile gesessen hatte, trat durch die Tür derselbe junge Architekt und musterte die Arbeit des Pinsels.

»Die Farbe, Maler, wird doch wohl vollständig matt, wie?«

»Jawohl, Herr Architekt«

»Und gut hart, wie?«

»Gut hart.«

»Das merken Sie sich, Maler: eine Lackierung ist vollständig wertlos, wenn sie nicht auf einem mageren Grund ausgeführt wird.«

»Sehr richtig, Herr Architekt.«

Die Hummel grinste, dann flog sie lustig summend durch den Raum, und dieses Summen klang wie ein närrisches Lachen. Dabei flog sie blind gegen den nassen Anstrich und blieb hängen.

»Sehen Sie mal dort, Maler, das blöde Vieh.«

Zwei Finger fassen nun die Flügel der Hummel, und in kühnem Schwung wird sie zum Fenster hinausgeworfen.

 Artikel erschienen in der Mappe 1913. Orthographie teilweise an heutige Regeln angepasst.