Dickens, Tee und Bücherzimmer

Seit Jahren beschäftigen sie sich mit historischen Häusern, moderner Architektur und zeitgemäßem Wohnen. Im Berner Oberland haben die Gründer der Agentur Bergdorf ein altes Chalet sanft und umfassend renoviert.

Regale samt Wände und Decke in Dunkelgrün unterstreichen die Geborgenheit und Ehrwürdigkeit der Bibliothek mit ihrem großen Kamin

Es war Liebe auf den ersten Blick, als die Gründer der Agentur Bergdorf das alte Haus in Interlaken entdeckten. Doch wie es so ist mit der Liebe, es dauert oft eine Weile bis sie sich erfüllen kann. Zwei Wochen nach Kaufanfrage wurde den beiden mitgeteilt, dass das Haus und das Bauland rundum bereits verkauft seien. Ein Jahr später fanden sie es in unverändertem Zustand vor, doch auf der schönen Wiese standen mittlerweile Bauprofile. Es sollten drei Mehrfamilienhäuser mit Eigentumswohnungen entstehen. An den Rand gedrängt das Objekt der Begierde. Es war noch zu haben. Spätestens nach der ersten Besichtigung des Innenlebens schmolz auch der letzte Zweifel dahin. Mit geschultem Blick erkannten die Interieur-Profis sofort, welche Schätze es zu heben galt. Sie nahmen sich der Herausforderung an, auf den verbleibenden 530 Quadratmetern Grund ihren eigenen, kleinen Mikrokosmos aufzubauen.

Schlicht und ergreifend

Von außen wirkt das alte Haus in seiner schlichten Schönheit eher bescheiden. Geht man jedoch hinein, eröffnet sich eine faszinierende Welt der lebendigen Vergangenheit. Die vielen Zimmer mit dem hundert bis hundertfünfzig Jahre alten Interieur bergen Originaleinbauten, wie etwa die Holztäfelung in den Südsalons, Parkett- und Riemenböden, das Treppenhaus oder den prachtvollen Kamin in der Bibliothek. Sie sind stille Zeugen der Geschichte ihrer Vorbesitzer. Vieles deutet darauf hin, so mutmaßen die neuen Besitzer, dass sich um Ende des 19. Jahrhunderts zur Erholung angereiste Engländer mit dem Kauf des einstigen Bauernhauses einen Traum erfüllten. Sie integrierten Stall und Tenne, gaben dem neu entstandenen Wohnhaus seinen heutigen, viktorianisch anmutenden Stil. Für englische Besitzer spricht auch der Fund eines zerfledderten Buches von Charles Dickens in Originalsprache.

Obwohl das Haus einige Jahre leer stand, war es in sehr gutem Zustand. Der Charakter und die Patina sollten unbedingt erhalten bleiben und so galt die Aufmerksamkeit ganz und gar dem Vorhandenen. Größere sichtbare Eingriffe waren lediglich die Installation einer neuen Dachgaube im Treppenhaus und eines großen Fensters in der Bibliothek. Nicht dafür ausgebildet, dafür mit großer Empathie, übernahm einer der beiden Interior-Experten selbst die Bauleitung, was sich als Segen für das Projekt herausstellen sollte. Ein wunderbares Team an Handwerkern unterstützte ihn mit großem Engagement und Kompetenz, dem geplanten Familien- und Freundeshaus wieder Leben einzuhauchen.

Wohliges Interieur

Wie bei allen in die Jahre gekommenen Gemäuern war auch hier die Isolierung ein großes Thema. Jeder einzelne Raum – vom Keller bis zum Dachgeschoss – erforderte eine individuelle Herangehensweise an eine optimale Dämmung. Damit das Haus bei bestmöglicher Energieeffizienz noch atmen kann, ist das gesamte Dach mit kuschelig weicher Schafwolle ausgekleidet. Das Wissen um die natürliche Wärme dieses Materials und das ausgeklügelte Farbkonzept des Interieurs strahlen ein so herrlich wohliges Gefühl aus, dass man sich am liebsten gleich mit einem Buch in einer der gemütlichen Ecken niederlassen möchte. Vierzig verschiedene, fein aufeinander abgestimmte Farbnuancen fügen sich harmonisch und selbstverständlich dem Charme des Hauses – als sei es schon immer so gewesen.

Selten gelingt es so gut, zeitgemäßen Wohnstandard mit historischem Charme zu vereinen. Nicht weniger als 13 Schlafplätze bietet das Haus heute. Daneben jede Menge gemütliche Aufenthaltsräume wie die Bibliothek mit ihrer offenen Feuerstelle, den kleinen Tee-Salon im Süden oder das großzügige Esszimmer mit dem bestens funktionierenden Kachelofen. Entstanden ist ein lebendiges Wohnhaus voller Charakter, in welchem sich die Einrichtung zurücknimmt und das Erzählen dem Charme der Räume überlässt.

Fotos: Martin Guggisberg

Dieser Artikel erscheint in der aktuellen >>farbe&raum #66.

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