Der Meisterbrief – ein wertvolles Papier

Seit der Handwerksnovellierung 2004 fordern Teile der Politik und des Handwerks eine Wiedereinführung der Meisterpflicht für die nun zulassungsfreien Gewerke. Andere halten den Meisterbrief für wenig zeitgemäß. Wie stellt sich die aktuelle Situation bei der Meisterausbildung im Maler- und Lackiererhandwerk dar? Die Redaktion sprach mit Johannes Starostzik, Schulleiter der Meisterschule für das Maler- und Lackiererhandwerk in München.

Meisterprüfungszeugnis
Durch die Handwerksnovelle 2004 fiel in 53 Handwerksberufen die Meisterpflicht weg – diese Berufe können nun auch ohne Meistertitel ausgeübt werden, es braucht nichteinmal eine Berufsausbildung.

Die Handwerkernovelle von 204 in der damit einhergehende Wegfall der Meisterpflicht in vielen Gewerken ist ein viel und heiß diskutiertes Thema, die Novellierung macht sich auch in einem Rückgang der bestandenen Meisterprüfungen bemerkbar: Laut ZDH-Statistik waren es 1991 noch 45.644 Meisterprüfungen, im Jahr 2013 hat sich die Anzahl ungefähr halbiert – nur noch 23.153 Meisterprüfungen wurden absolviert. Das hat Konsequenzen: Ohne Meister gibt es weniger Ausbildung. In den zulassungsfreien oder handwerksähnlichen Gewerben kann jeder ausbilden, der genügend Berufserfahrung gesammelt und eine Ausbildereignungsprüfung abgeschlossen hat. »In 53 zulassungsfreien Berufen finden derzeit nur noch fünf Prozent der Ausbildungsleistung im Handwerk statt. In den 41 Meisterberufen 95 Prozent«, rechnet Daniela Schmitt, Staatssekretärin im Wirtschaftsministerium Rheinland-Pfalz vor.

Die Mappe-Redaktion sprach mit Johannes Starostzik, Schulleiter der Meisterschule für das Maler- und Lackiererhandwerk in München, über die Meisterausbildung an den Schulen.

Das größte Hindernis ist nach wie vor die finanzielle Situation der angehenden MeisterInnen.

Mappe: Herr Starostzik, welchen Stellenwert hat die Meisterfortbildung bei den Berufschülern, wie hoch ist der Anteil der Maler- und Lackierergesellen, die dies anstreben?
Johannes Starostzik: Die Meisterprüfung und der Meistertitel haben nach wie vor im Maler- und Lackiererhandwerk einen sehr hohen Stellenwert, denn zum einen sichern Meisterbetriebe die Ausbildung von qualifizierten Fachkräften, zum anderen haben die Endkunden eine hohe Sicherheit an die Erbringung von Qualitätsarbeit. An unseren Meister- und Fachschulen absolvieren pro Jahr ca. 60 Schülerinnen und Schüler die Meisterprüfung im Maler- und Lackiererhandwerk. Des Weiteren absolvieren ca. acht Schüler die Meisterprüfung für das Fahrzeuglackiererhandwerk und 15 die Vergolder- und Kirchenmalermeisterprüfung.

Schild 291 - Meisterbrief
Welche Auswirkungen hat die Novelle auf die Zukunft des Handwerks? Inzwischen machen sich zahlreiche entstandene Initiativen mit Petitionen und Anträgen für eine Wiedereinführung der Meisterpflicht stark. Die in Aussicht gestellten Vorteile, wie ein höheres Markvolumen, konnten nicht erzielt werden. Statt dessen sinkt die Ausbildungsleistung in den deregulierten Bereichen

Mappe. Welche Entwicklung im Hinblick auf die Meisterfortbildung im Maler – und Lackiererhandwerk konnten Sie in den letzten 10 Jahre beobachten? Was ist heute besser, was könnte verbessert werden?
J. Starostzik: Die Schülerinnen und Schüler unserer Meisterschule gehen nach wie vor mit sehr großem Enthusiasmus und Freude an die Meisterfortbildung heran. Das größte Hindernis ist nach wie vor die finanzielle Situation der angehenden Meisterinnen und Meister.
Obwohl gerade die Einführung der sogenannten Meisterprämie für das Bestehen der Meisterprüfung durch die Bayerische Staatsregierung noch einmal für einen sehr positiven Effekt im Hinblick auf die Entscheidung, die Meisterprüfung ablegen zu wollen, gesorgt hat. Allerdings bleibt gerade der finanzielle Aspekt für viele Gesellinnen und Gesellen, trotz Meisterprämie und trotz Meister-Bafög, das größte Hindernis für den Besuch der Meisterschule.
Kontrovers diskutiert wird auch immer der Wegfall der Gesellenjahre. Einerseits werden immer jüngere Fachkräfte gesucht, andererseits sollte aber die Berufserfahrung trotzdem vorhanden sein.

In unseren Meisterschul-Klassen ergibt gerade diese Mischung aus jungen Ideen und reifer Erfahrung eine kreative und ausgeglichene Unterrichtsatmosphäre.

Mappe: Wie haben sich die Anforderungen und die Qualität der Meisterfortbildung im Maler- und Lackiererhandwerk entwickelt?
J. Starostzik: Durch die Einführung der »handlungsorientierten Meisterprüfung« haben sich die Anforderungen der Meisterfortbildung stark verändert. Heute bearbeiten die angehenden Meisterinnen und Meister einen sehr umfangreichen Kundenauftrag für die Meisterprüfung. Dafür benötigen die Prüflinge zunächst hohe Sprach- und Texterfassungskompetenzen und EDV-Kenntnisse. Insgesamt hat sich dadurch der Schwerpunkt der Fortbildung und der Prüfung auf die betriebswirtschaftliche und technologische Seite verlagert. Die Qualität der Meisterfortbildung entwickelte sich dementsprechend in den vergangenen Jahren ebenso ständig nach oben.

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Der Wegfall der Gesellenjahre wird kontrovers diskutiert – in der Schulpraxis in München jedoch kein Problem: Jüngere Meisterschüler überzeugen mit frischem Fachwissen, ältere Meisterschüler mit praktischer Erfahrung

Mappe: Wie beurteilen Sie die Möglichkeit, die Fortbildung zum Meister direkt an die Ausbildung anschließen zu können?
J. Starostzik: Hier gibt es kein klares für oder wider: Was die jungen Gesellinnen und Gesellen, die direkt nach der dualen Ausbildung in Schule und Betrieb die Meisterausbildung machen, an noch frischen Lernerfahrungen, EDV-Affinität und Flexibilität den älteren Kolleginnen und Kollegen voraus haben, gleichen die »älteren« Gesellinnen und Gesellen mit einem größerem Lebens- und Berufserfahrungshorizont aus. In unseren Meisterschul-Klassen ergibt gerade diese Mischung aus jungen Ideen und reifer Erfahrung eine kreative und ausgeglichene Unterrichtsatmosphäre.

Ich fürchte, dass kaum einer dieser sehr jungen Meister sofort nach der Meisterprüfung mit vollem Meistergehalt eingestellt wird.

Mappe: Wie hoch ist der Anteil an Gesellen an Ihrer Schule, die die Meisterfortbildung zum Maler- und Lackierermeister direkt nach der Gesellenprüfung machen?
J. Starostzik: Mittlerweile hat sich das gut eingependelt: Auf eine Klasse mit 25 Schülerinnen und Schüler kommen ca. fünf bis sieben Schüler*innen die gleich nach der Ausbildung weitermachen.

Mappe: Wie sind die Rückmeldungen von Malerbetrieben zu Meistern, die sofort nach der Gesellenprüfung ihren Meister gemacht haben?
J. Starostzik: Ich fürchte, dass kaum einer dieser sehr jungen Meister sofort nach der Meisterprüfung mit vollem Meistergehalt eingestellt wird. Es haben sich hier Modelle etabliert, die den jungen Meistern die Chance bieten sich zunächst im täglichen Arbeiten auf der Baustelle unter Beweis zu stellen und zu zeigen „was man drauf hat“!  Im Anschluss daran wird meistens ein Aufstieg in die Meisterbezahlung vereinbart.
Die Industrie lässt diese Programme unter dem Motto »Trainee« laufen. Dass die »Jungen Meisterinnen und Meister« was drauf haben, zeigt sich darin, dass die Meisten nach der Prüfung unterkommen. Entweder als Angestellte in Malerbetrieben, als Selbständige oder als Fachberater in der Industrie.

 

Im Brennpunkt der Mappe 05/2019 beschäftigen wir uns umfassend mit dem Thema der Meisterpflicht für das Handwerk: Mappe 05/2019