09. Juni 2020

Frauen an der Spitze

Unternehmerinnen und ihre Leistung müssen als Vorbilder stärker in den Fokus der Gesellschaft rücken und sichtbarer werden. Foto: dusanpetkovic1/Adobe.Stock

Im Brennpunkt der Mappe 06.2020 berichtet die Mappe über Unternehmerinnen und Unternehmerfrauen. Im Mappe-Interview berichten Heidi Kluth, Bundesvorsitzende der Unternehmerfrauen im Handwerk (UFH) mit Sitz in Berlin und Nancy Nielsen, Unternehmerin.

Frauen können Unternehmen führen und das in der Regel sehr gut. Was macht sie so erfolgreich und sind sie gar die besseren Unternehmer? Aber auch mitarbeitende Unternehmerfrauen sind im Team mit ihren Männern gerade in kleinen und mittleren Unternehmen und im Handwerk unentbehrlich. Im Brennpunkt der Mappe 06.2020 beleuchten wir das Szenario und stellen Fakten und Beispiele vor. Ergänzend dazu lesen Sie hier das vollständige Interview mit Heidi Kluth sowie Nancy Nielsen. Sie leitet das Unternehmen Wandschutz Nielsen in Bad Lobenstein.

»Mit weiblichen Führungskräften ändert sich die Unternehmenskultur.«

Im Interview: Heidi Kluth, Bundesvorsitzende der Unternehmerfrauen im Handwerk (UFH) in Berlin. Foto: UFH

Mappe: Welche Rolle spielen mitarbeitende Unternehmerfrauen in den Handwerksbetrieben heute und was hat seit der letzten Generation verändert?
Heidi Kluth:
Aus mitarbeitenden Ehefrauen sind mittlerweile »Mit-Unternehmerinnen« geworden. Die Unternehmerfrauen sind heute qualifizierte Führungskräfte und bilden mit ihren Männern und Lebenspartner als Doppelspitze die Erfolgsfaktoren der Handwerksbetriebe. Frauen sind sich ihrer Führungsrolle bewusst. Sie sind bereit Mitverantwortung zu tragen und wollen ihren Betrieb zum Erfolg führen. Heute sind gerade junge Frauen gut ausgebildet und starten mit neuen Perspektiven in ihr Arbeitsleben. Sie wollen oft nicht mehr nur mitarbeiten, sondern aktiv gestalten und lenken. Als »Mit-Unternehmerinnen« sind sie gleichgestellte Partner an der Seite ihrer Männer.

Mappe: Sind Frauen die besseren Unternehmer? Welche Stärken oder Soft Skills sind nach Ihren Erfahrungen im Allgemeinen bei Frauen im Bereich der Unternehmensführung besser ausgeprägt als bei Männern?
Heidi Kluth: Mit weiblichen Führungskräften ändert sich oft die Unternehmenskultur eines Handwerksbetriebes. Frauen sind oft teamorientierter, pflegen Offenheit und Transparenz. Auch die Vereinbarkeit von Beruf und Familie ist ein essenzielles Thema für Frauen. Frauen haben oft einen kooperativen Führungsstil, bei dem sie ihre Mitarbeitenden mit einbeziehen und Verantwortung abgeben. Frauen bereichern mit ihren Fähigkeiten, ihrer spezifischen Sichtweise und ihrem persönlichen Stil die Betriebe und bringen Vielfalt ein.

Mappe: Die Leistungen von Unternehmerfrauen werden sichtbarer und die Wertschätzung steigt. Wo gibt es noch Nachholbedarf?
Heidi Kluth: Damit das Handwerk noch weiblicher wird, braucht es so etwas wie einen Kulturwandel. Hilfreich wäre u.a. ein Klima, das erkennen lässt, dass Frauen in den Betrieben einen wertvollen Beitrag leisten und ein wichtiger Teil des deutschen Handwerks darstellen. Die vorherrschende Handwerkskultur ist immer noch sehr »männlich« geprägt. Gerade jungen Frauen fällt es damit schwer, sich gegen oft männliche Handwerker mit langjährigem Erfahrungsschatz zu behaupten. Zurzeit entwickeln die UnternehmerFrauen des Handwerks das Projekt »Mädchen willkommen im Handwerk«. Dies soll Mädchen den Einstieg erleichtern ehr männlich geprägte Handwerksberufe zu ergreifen. Mädchen sollen Berufe ergreifen, die ihren Interessen und Fähigkeiten entsprechen und nicht auf Grund einer falsch verstandenen »Geschlechterrolle« ihre Karriere gestalten. Weiterhin soll durch das Projekt eine Willkommenskultur in Handwerksbetrieben geschaffen werden, die auf die speziellen Bedürfnisse von Mädchen abgestimmt ist. Wenn wir mehr junge Frauen fürs Handwerk gewinnen, dann wird auch der Frauenanteil in den Führungspositionen größer.

Mappe: Was halten Sie von einer Bezeichnung für die Unternehmerfrauen im Handwerk, wie zum Beispiel »Betriebsmanagerin im Handwerk«, die vielleicht zutreffender wäre und sinnvoll im Bezug auf Wertschätzung?
Heidi Kluth: Unternehmerfrauen sind für uns Betriebsinhaberinnen, mitarbeitende Partnerinnen und Töchter als Nachfolgerinnen in Familienbetrieben. Die Bezeichnung »Betriebsmanagerin im Handwerk« umfasst meiner Meinung nach nicht das volle Aufgabenspektrum, welchem sich die Frauen in ihren Handwerksbetrieben stellen. Betriebsmanagerin deutet auf ein betriebswirtschaftliches Know-how hin. Jedoch sind die Unternehmerfrauen selbst oft hochqualifizierte Spezialistinnen in ihrem Gewerk.

Mappe: Was halten Sie von einer Frauenquote in der privaten Wirtschaft?
Heidi Kluth: Das Handwerk braucht mehr Frauen, aber eine Frauenquote in den Handwerksunternehmen bei den starken Unternehmerfrauen halte ich für nicht erforderlich. Wir sind bereits auf einem guten Weg. Jedoch gibt es bislang noch nicht genügend qualifizierte Frauen, um beispielsweise flächendeckend Frauen als Führungskräfte einzustellen. Hier setzen wir an, das Netzwerk der UnternehmerFrauen im Handwerk bietet den Austausch der Unterfrauen untereinander, zeigt weibliche Vorbilder für Mädchen und setzt sich für Ausbildung und Weiterbildung von Frauen und Mädchen ein. In der jetzigen Zeit geprägt durch den demographischen Wandel und der damit verbundenen Probleme der Fachkräftegewinnung und -sicherung haben qualifizierte Frauen sehr gute Karrierechancen im Handwerk.

Mappe: Auf welche Errungenschaft, welchen Erfolg der UFH sind Sie besonders stolz?
Heidi Kluth: Einer der Gründungsgedanken der UFH war, dass wir uns für eine handwerksbezogene Aus- und Weiterbildung stark machen. Dies ermöglicht es Frauen als Leistungsträger in den Handwerksbetrieben wahrgenommen zu werden und einen entscheidenden Anteil zum Betriebserfolg beizutragen. Auch wollen wir die Persönlichkeitsentwicklungen der Frauen fördern um die Bereitschaft der Mitverantwortung zu tragen und sich den Herausforderungen der Zeit zu stellen. Wir wollen, dass die Frauen vielfältige Wege für individuelle Karrieren geebnet bekommen und ermutigt sind ihre unternehmerischen Potenziale im Handwerk zu entfalten.
Im Laufe der Jahre haben wir an vielen verschiedenen Stellschrauben gedreht, um Unternehmerfrauen im Handwerk zu stärken, z.B. durch die verschiedensten Fort- und Weiterbildungsangeboten, der Statusfeststellung in der Sozialversicherung oder auch bei der Unterstützung von Geflüchteten im Handwerk durch unser Vokalheft.
Die Würdigung unserer Arbeit und des Engagements des Verbandes der UnternehmerFrauen im Handwerk durch Angela Merkel 2019 wahr daher eine der größten Erfolge seit unserem bestehen.

Mappe: Vielen Dank für Ihre Antworten, Frau Kluth.

»Sie sind umsichtiger und kooperativer in ihrer Führung.«

 

Im Interview: Nancy Nielsen ist Unternehmerin und Mitglied im VdU-Landesvorstand Sachsen/Sachsen-Anhalt. Foto: Privat

Nancy Nielsen ist ausgebildete Bürokauffrau und Dipl.-Betriebswirtin (FH). Sie hat ihr Unternehmen Wandschutz Nielsen in Bad Lobenstein 2010 gegründet, übernahm dann das Unternehmen ihres Vaters und erzielt heute mit 13 Mitarbeiter einen Jahresumsatz von 1,2 Millionen Euro. Sie ist Mitglied im VdU-Landesvorstand Sachsen/Sachsen-Anhalt.

Mappe: Wo braucht es mehr Unterstützung und in welcher Form, damit mehr Frauen in die Führungsebene von Unternehmen gehen?
Nancy Nielsen: Unternehmerinnen und ihre Leistung müssen als Vorbilder in der öffentlichen Wahrnehmung stärker in den Fokus rücken und sichtbarer werden. Heute ist jeder dritte Selbstständige eine Frau. Die noch vorhandenen strukturellen und gesetzlichen Hürden für eine stärkere Beteiligung von Frauen am Unternehmertum müssen beseitigt werden. Denn wir brauchen weiterhin bessere Rahmenbedingungen für die Vereinbarkeit von Familie und Beruf. Außerdem brauchen wir steuerliche und sozialversicherungsrechtliche Anreize. Frauen brauchen außerdem bessere Zugangsmöglichkeiten zu Kapital sowohl in der Gründungsphase als auch beim Ausbau ihrer jungen Unternehmen.
Am wichtigsten sind jedoch strukturelle Veränderungen in einer von Männern geprägten Unternehmenskultur. Dazu gehört eine faire Aufteilung der Verantwortlichkeiten in Erwerbs- und Care-Arbeit.

Mappe: Was macht es für Frauen leichter, im Mittelstand und in Handwerksbetrieben die Führung zu übernehmen als in größeren Institutionen, wo sind es dieselben Hürden?
Nancy Nielsen: KMU müssen Frauen gezielter fördern. Da kommt es auf die Einstellung und den Willen der Unternehmen an, Veränderungen aktiv voranzutreiben. Frauen haben oft einen eher kooperativen Führungsstil. Altgediente Handwerker verwechseln das gern mit Schwäche.  

Mappe: Wie kann weibliche Nachfolge im Unternehmen gefördert werden? Was sind die Hauptgründe, warum Töchter zögern, in die Fußstapfen ihrer Väter zu treten?
Nancy Nielsen: Leider ist es immer noch so, dass nur ein Viertel der Nachfolge von Frauen angetreten wird. In den Inhaberfamilien finden sich zunehmend weniger Nachfolgeinteressierte und der demographische Wandel verschärft die Problematik weiter. Es ist aber nicht so, dass es die Töchter sind, die zögern. Laut einer Studie ziehen männliche Übergeber bei der familieninternen Nachfolge den Sohn einer Tochter deutlich vor, mit rund 73 Prozent. Dabei zeigt eine KPMG-Studie, dass Frauen in der familieninternen Unternehmensnachfolge gleich erfolgreich oder sogar erfolgreicher als Männer sind.
Generell wünsche ich mir, dass mehr Väter ihren Töchtern etwas zutrauen. So wie wir Mütter unseren Söhnen das Spülen und Wäsche waschen beibringen sollten, sollten die Väter ihren Töchtern wie selbstverständlich das Handwerkeln und Reparieren beibringen. Das hat heutzutage alles nichts mehr mit körperlicher Kraft zu tun. Es gibt für alles Maschinen, die uns die Arbeit erleichtern. Körperliche Unterschiede können also nicht mehr der Grund sein, stereotype Rollenbilder zu pflegen.

Mappe: Sind Frauen die besseren Unternehmer, welche Soft Skills zeichnen Frauen in Führungspostionen aus?
Nancy Nielsen: Frauen sind umsichtiger und kooperativer in ihrer Führung, weil sie häufig besser darin sind, mit ihren Teams Wissen zu teilen, ihnen zuzuhören und sie bei Entscheidungen einzubeziehen. Und sie motivieren und inspirieren besser. Alles Fähigkeiten, die nicht nur für junge, sondern auch für erfahrene Mitarbeiter wichtige Kriterien für die Zufriedenheit im Job sind und dazu beitragen, dass sie bereit sind, mehr Verantwortung am Arbeitsplatz zu übernehmen und sich länger an ein Unternehmen binden. In meinem Unternehmen habe ich – bis auf den Bereich der Montage mit bundesweiter Reisetätigkeit – Parität. Und wir profitieren sehr von den gemischten Teams. Die Männer haben oft in unangenehmen Situationen das größere Selbstbewusstsein nach außen, während die Frauen auch in ausweglos scheinenden Situationen oft unermüdlich kreativ Lösungen entwickeln. Die Mischung macht es aus und davon profitieren alle. Und auch beim beruflichen Netzwerken, das fälschlicherweise als männliche Domäne gilt, ist ein Spielfeld, auf dem Frauen sich genauso gut bewegen, wie Männer. Das enorme Potential an gut ausgebildeten Frauen in Kombination mit wichtigen Soft Skills von Frauen ist ein Goldschatz für die deutsche Wirtschaft

Mappe: Vielen Dank für das Interview, Frau Nielsen.