13. Januar 2020

Prägende Putzfassaden

Hotel Bayerstraße in München. Foto: Michael Heinrich

In den letzten Jahren hat das Architekturbüro Hild und K in der Münchner Innenstadt fast ein Dutzend städtischer Häuser neu gebaut oder saniert. Es entstand eine Sammlung von Wohn- und Geschäftshäusern, Hotels und Gastronomie im direkten Kontext zur bestehenden Stadt. Sie sind ein Glücksfall für München: Sie passen sich an und finden doch eine eigenständige Sprache, die die Innenstadt inzwischen prägt. Und das liegt hauptsächlich an den raffinierten Fassaden. Die Bauwerke des Architekturbüros Hild und K sind ganz unterschiedlich in ihrem architektonischen Ausdruck und ihrer Materialität, aber sie fügen sich auf mysteriöse Weise ins Stadtbild ein. Im ersten Vorbeigehen meist unauffällig, zeigen sie erst auf den zweiten Blick ihre Eigenheiten. Man kann ihnen viele Attribute verpassen: laut, leise, zurückhaltend, aufdringlich und viele mehr, aber eines auf keinen Fall: fantasielos. Das liegt nicht nur am intensiven Dialog mit dem Bauherrn und dem Kontext, sondern auch am Wunsch, den Eigenheiten der jeweiligen Aufgabe entsprechend architektonische Antworten zu entwickeln, sensibel und intelligent zugleich. Und die Bandbreite der Bauaufgaben ist vielfältig, ebenso wie das Spektrum der Lesarten der Gebäude. »Es geht einerseits um den Effekt der Mimikry für den uninteressierten Betrachter und andererseits um das Offenlegen der Machart für den interessierten Betrachter«, sagte Andreas Hild 2014 in einem Interview mit der Architekturzeitschrift Baumeister zum Thema Fassade und Oberflächlichkeit. Die Architekten von Hild und K lieben das Spiel mit den Worten. Natürlich hat die dreidimensionale Ausformung einer Oberfläche in Bezug auf die Tiefe eine Grenze und damit eine gewisse Flüchtigkeit. Aber der Blickpunkt auf die Mehrdeutigkeit des Wortes »oberflächlich« spiegelt die Herangehensweise bildlich wider.

Die Fassade als Oberfläche

Die Fragen nach den Projekten reduzieren sich oft nur auf die Fassade – weil das Raumprogramm und die Nutzungsanforderungen sich nicht sofort am äußeren Erscheinungsbild ablesen lassen. Die Idee der Moderne, aus der sich die Fassade aus dem Inneren des Gebäudes heraus entwickelt, greift Andreas Hild zu kurz. Nach seiner Auffassung ist die Fassade an den Innenraum gekoppelt, aber sie darf nicht nur auf ein funktionales Abbild des Raumprogramms reduziert werden. Den funktionalen, zum Teil einfallslosen Einheitsbrei umgeht das Büro, indem der Fokus nicht nur auf den viel zitierten und zweifelsohne wichtigen Kontext gelegt wird, sondern Material, Form und handwerkliche Ausführung von Details ebenso als Teil des Gesamtkontexts ablesbar bleibt. Dies kann auf eine leise subtile Art stattfinden, die dem flüchtigen Betrachter gar nichtauffällt, wie beim architektonischen Konzept für das Hotel Louis am Viktualienmarkt in München. Im Spagat zwischen dem Bezug zur Altstadt und den Anforderungen an eine zeitgenössische Bauweise wurde eine Neuinterpretation der Wiederaufbauarchitektur der 1950er-Jahre und barocker Bewegtheit gewählt. Die regelmäßige Anordnung der raumhohen Fenster in Kombination mit der weißen Putzfassade rhythmisiert die Fassade, die durch die Stuckprofile um die Fensteröffnungen wieder ein spielerisches Element bekommt. Eine ähnliche Herangehensweise lässt sich im Umbau und der Sanierung der Brunnstraße, einem spätbarocken Handwerkerhaus in München, erkennen. Als Bestandteil eines denkmalgeschützten Ensembles der Münchner Altstadt war es vor dem Rückbau durch Hild und K durch diverse Umbauten stark verfremdet. Eine reine Rekonstruktion kam nicht in Frage, vielmehr wurde versucht, dem Haus seine historische Würde durch eine neue Formsprache wiederzugeben. Als Gestaltungselement im historischen Kontext wurden die Putzfaschen identifiziert, die durch eine eigene Interpretation – gegenläufig aus der Fassade gekippte und eingedrückte Flächen – in die Gegenwart transportiert wurden.

Umbau und Sanierung der Residenzstraße

Dass die Strategie der Interpretationsweisen nicht nur an Zeitschichten und historische Zeugnisse gekoppelt ist, zeigen Projekte wie der Umbau und die Sanierung der Residenzstraße, ebenfalls in der Münchner Altstadt gelegen. Das das Stadtbild prägende Element ist das Stuckprofil auf der Putzfassade aus der Erbauungszeit, welches die Fassade stark gliedert. Anstelle in den alten Kontext neue Formen einzufügen, wird mit unterschiedlichen Farbnuancen gearbeitet. Orientiert an der Aquarelltechnik aus klassischen Architekturdarstellungen arbeitete man mit unterschiedlichen Verdünnungen und Deckschichten eines Farbtons: Während schmale Faschen den originalen Ockerton enthalten, stufen sich die Füllungen und weitere Flächen in ihrer Helligkeit ab. So entsteht aus der Ferne der Eindruck einer Einstanzung in verschiedenen Ebenen, die aber eigentlich auf einer optischen Täuschung des Auges beruht. Die Transformation vorhandener Elemente zu etwas Neuem, Zeitgemäßem kann auch auf funktionalen Anforderungen, die in eine Gestaltung übersetzt werden, beruhen. Dieser Beitrag ist in Mappe 1/2020 erschienen. Den vollständigen Text lesen Sie hier.