18. September 2019

Meisterhaus Dessau: Besuch in einem Gemälde

Die Wüstenrot Stiftung hat das Meisterhaus Klee/Kandinsky in Dessau erforscht und saniert. Entstanden sind Räume in originalen Klee- und Kandinsky-Farben.

Während Berlin bereits im Januar begann, den 100. Geburtstag des Bauhauses zu feiern und Weimar sein neues Bauhaus-Museum im April eröffnet hat, wurde in Dessau bis vor kurzem noch gearbeitet. Das Bauhaus-Museum dort ist am 8. September eröffnet worden. Seit dem 18. April ist auch das Doppelhaus Klee/Kandinsky in der Dessauer Meisterhaussiedlung zu besichtigen, das die Wüstenrot Stiftung seit 2017 erforscht und zusammen mit Brenne Architekten instand gesetzt hat. »Das ist kein Haus für Ausstellungen mehr, sondern das Denkmal selbst wird zum wichtigsten Ausstellungsstück«, sagt Philip Kurz, Geschäftsführer der Wüstenrot-Stiftung. Die Institution verantwortete und finanzierte die Forschung und Instandsetzung mit 1,5 Millionen Euro. Und er ergänzt: »Durch die Instandsetzung soll weder ein ›utopischer Originalzustand‹ geschaffen, noch die Geschichtlichkeit des Denkmals oder seine Alterungsspuren negiert werden.“

Zeitschichten

Für das Dessauer Meisterhaus ist es nicht die erste Sanierung. Doch die früheren Maßnahmen sind nicht ausreichend gut dokumentiert worden, stellte Thomas Knappheide fest, der mit der Projektsteuerung der aktuellen Restaurierung beauftragt war. Es gab Wissenslücken – zum Beispiel über die farbige Ausgestaltung des Doppelhauses. Fest steht, dass Walter Gropius die Meisterhäuser entwarf und sie bereits nach einem Jahr Bauzeit 1926 bezugsfertig und außen einheitlich weiß gestrichen übergeben konnte. Fest steht auch, dass Paul Klee und Wassily Kandinsky die Einrichtung und deren Farben selbst bestimmten. Sie lebten mit ihren Familien zwischen 1926 und 1933 dauerhaft in ihrer Meisterhaushälfte und zogen erst aus, nachdem das Bauhaus durch die Nazis geschlossen worden war. Nach dem Auszug der Künstler verfügten die Nazis einen Umbau der Häuser, damit deren »wesensfremde Bauart aus dem Stadtbild verschwindet«. Dazu wurden die großen, charakteristischen, geschoss-übergreifenden Fenster ausgebaut, die Wände bis auf kleine Fensteröffnungen geschlossen. Die Innenräume bekamen eine einheitliche Farbe. Dann zogen Mitarbeiter der Junkers-Werke ein. 1945 wurde Dessau bombardiert und zu 90 Prozent zerstört. Das Doppelhaus Klee/Kandinsky blieb zwar unversehrt, doch auch in der DDR wurde es bewohnt und immer weiter verändert: Die Zentralheizungen wurden durch Öfen ersetzt, für die Schornsteine gemauert werden mussten. Das strahlende Weiß der Fassaden wich grauem Spritzputz. Der ursprüngliche Charakter der Siedlung, das »weiße Leuchten« der Außenwände im Grünen, das der polnische Dichter Tadeusz Peiper 1927 bejubelt hatte, war für Jahrzehnte ausgelöscht – aber nie vergessen. 1974 stellte die DDR das Bauhausgebäude unter Denkmalschutz und restaurierte es. Bis zur ersten Sanierung des Klee/Kandinsky-Meisterhauses dauerte es dann aber noch mehr als zwanzig Jahre. 1999/2000 wurden die originalen Fensterfronten wiederhergestellt, entstellende Ein- und Anbauten entfernt, die Fassade weiß gestrichen und die Räume als Ausstellungsflächen hergerichtet. Für einen optimalen Rundgang entstand ein Durchbruch zwischen den ursprünglich getrennten Haushälften. Außerdem wurden ausstellungstypische Beleuchtungssysteme an die Decken montiert und in den ehemaligen Bädern Klimaanlagen eingebaut.

Glück im Unglück

Die aktuellen Forschungen im Auftrag der Wüstenrot-Stiftung konnten nun bestätigen, dass die Farben der Bauhausmeister unter dem einheitlichen Anstrich nach 1933, der mehrfach überstrichen wurde, erhalten sind. Das ist einmalig, denn in keinem der anderen Meisterhäuser ist die ursprüngliche Farbfassung in diesem Umfang vorhanden. Deshalb empfahl der verantwortliche Restaurator 
Peter Schöne aus Halle die Wieder­­her­stellung der Farben. »Dies meint eine farb- und materialgetreue Gestaltung der Wand- und Deckenflächen sowie der historischen Ausbauteile auf Grundlage restauratorischer Be­funde, naturwissenschaftlicher Erkenntnisse und 
restauratorischer Bewertung der Anstrichstoffe«, erklärt Schöne.

Eine Wiederherstellung dieses farblichen Zustands bedeutete natürlich, spätere Zeitschichten zu überfassen. »Wir haben lange über jedes Detail diskutiert und oft auch gerungen«, sagt Philip Kurz. Dazu gehörten auch Fragen wie: Muss der vorgefundene Zustand von 2017 konserviert werden, um die gesamte Geschichte des Hauses abzubilden? Sollen die nicht mehr vorhandenen Ausstattungen der Bäder wiederhergestellt werden? Muss der Wanddurchbruch von 1999 bleiben? Und wenn er zugemauert wird, muss dann darauf hingewiesen werden? Letztendlich sei die Entscheidung für eine »sensible und differenzierte« Instandsetzung von Dach, Fenstern und Fassade sowie für die Wiederherstellung der ursprünglichen Raumfarbigkeiten gefallen. »Ohne dem Haus jedoch seine Alterungsspuren zu nehmen«, ergänzt Philip Kurz. Insgesamt wurden mehr als 100 unterschiedliche Farbtöne gefunden, die jetzt wieder gemischt und gestrichen werden. Für den »richtigen« Klee-Ton, die authentische Kandinsky-Farbe ist vor Ort Restaurator Henry Krampitz vom Restaurierungsatelier Schöne aus Halle zusammen mit den Mitarbeitern der Firma Nüthen aus Erfurt 
zuständig. »Wir wählen nicht einfach einen Farbton aus einer Farbkarte aus«, sagt Henry Krampitz über seine Arbeit. »Wir wollen den Ton pigmentgetreu treffen.« Dazu versuch­ten die Restauratoren mit den Pigmenten, die bei den Untersuchungen gefunden wurden, auszukommen. »Das heißt, wenn laut Analyse Rot, Ocker und Schwarz in der Originalfarbe enthalten sind, verwenden wir auch nur diese Pigmente«, sagt Krampitz.

Bewohnte Gemälde

So entstand der erdige Farbkosmos von Paul Klees Bildern an den Wänden des Meisterhauses wieder: sein Mattgelb, ein sanftes Grün und tiefes Dunkelbraun. Und auch die Farben seines Nachbarn Wassily Kandinsky, der – für Gemälde und Wände – knalligere Farben und stärkere Kontraste bevorzugte. In Kandinskys Räumen gibt es weiße und tiefschwarze Wände, rosarote und dunkelblaue sowie eine goldene und eine silberne. Die wiederhergestellten Farbanstriche vermitteln den Eindruck, als beträte der Besucher ein Gemälde von Wassily Kandinsky oder tauche in die Farben eines Klee-Aquarells ein. Während die Farben der Wohnräume auf der Grundlage neuster Forschungen und 
Befunde wiedererstehen konnten, gab es nur vereinzelte Hinweise auf die ursprünglichen Leuchten in den Häusern. »Es gibt erstaunlich wenige Fotos von diesen Innenräumen aus der Bauhauszeit«, musste Projektkoordinator Thomas Knappheide feststellen. Die vor 20 Jahren eingebauten Strahlerschienen wurden jetzt als massive Störung des Raumeindrucks empfunden und entfernt. Das Architekturbüro von Winfried Brenne, der das Projekt als Planer begleitet, erarbeitete ein Beleuchtungskonzept mit neutralen weißen Leuchten. »Da wir nichts über die Lampen wissen, raten wir auch nichts dazu, um keine falschen Fährten zu legen«, sagt Philip Kurz über die neuen, halbkugelförmigen Lampen. Ähnlich pragmatisch fiel die Entscheidung gegen eine Rekonstruktion der nicht mehr vorhandenen Badeinrichtungen. Was nicht mehr existiert, wird nicht nachempfunden. Über all diese Veränderungen wird ausführlich vor Ort Auskunft gegeben. »Die Informationen fügen sich dezent in die Räume ein«, sagt Florian Strob, wissenschaftlicher Mitarbeiter der Stiftung Bauhaus Dessau. 
Dazu wurden einige Bildschirme aufgestellt und eine App entwickelt. Denn der atmosphärische Eindruck in den Räumen soll durch nichts beeinträchtigt werden. Der Beitrag ist in Mappe 10/2019 erschienen.