04. Oktober 2017

Hinterhof mal anders

Wie vielfältig und facettenreich eine Stadt ist, zeigt sich oft erst beim genauen Hinsehen. Denn jedes Haus und jeder Garten formt den Charakter einer Stadt. In Duisburg steht ein Haus, das diese Aufgabe beinahe alleine bewältigen kann. Denn: Das hundert Jahre alte Gebäude gehört einem experimentierfreudigen Maler, der den Hinterhof in seine persönliche Leinwand für Farbe und Spraydose verwandelte. Die Geschichte des Graffiti-Hinterhofs nahm 2015 ihren Anfang, als Malermeister Andreas Enge ein Haus mit Hinterhof in Duisburg kaufte. Das Gebäude wurde um ca. 1910 erbaut und befand sich sowohl innen als auch außen in einem desolaten Zustand. Für den Inhaber und Gründer des Malermeistersbetriebs Mal Anders war klar, dass dieses Haus nicht einfach saniert und renoviert werden würde – dazu hatte sein neues Heim zu viel erhaltenswerten Charakter.

Inspiration aus dem Kiez

Seit Andreas Enge seinen Meister im niedersächsischen Buxtehude gemacht hatte, war er großer Fan des nahegelegenen Hamburger Schanzenviertels, ein Stadtteil, der für seine Cafés, Parks und Graffitis bekannt ist. Die Gestaltungsfrage war damit schnell geklärt: Graffitis sollten die noch leeren Backsteinmauern schmücken. Das Problem jedoch war, dass Andreas Enge zwar malen und zeichnen kann, aber noch nie großflächige Bilder frei Hand mit einer Dose auf die Wand gebracht hat. Um das Neuland zu umschiffen, machte sich der Malermeister also erst einmal auf die Suche nach talentierten Sprayern. Die Suche gestaltete sich schwieriger, als zunächst gedacht. Aufrufe auf Facebook und im Freundes- und Bekanntenkreis ermöglichten zwar einige Gespräche, aber zu einer konkreten Einigung kam es nie. Eines Tages kam an der Kasse seines Lieferanten jemand auf ihn zu, der ihm sagte: »Ich kenne da jemanden, der vielleicht Interesse hat«. Nach einiger Zeit meldete sich der besagte Sprayer telefonisch und vereinbarte einen Termin mit Andreas Enge. Das Gespräch brachte den Stein ins Rollen und nachdem der Graffiti-Künstler weitere Crewmitglieder und befreundete Sprayer eingespannt hatte, um bei dem Hofprojekt mitzuwirken, nahm das Vorhaben erste Züge an. Zunächst fingen nur zwei Sprayer mit der Gestaltung an, nach und nach gesellten sich immer mehr dazu. Heute sind es insgesamt acht Künstler aus Duisburg und Düsseldorf, die die Abläufe des Hofprojekts koordinieren und die Vision des Hausbesitzers verwirklichen.

Ein Maler mit seiner Armada aus Spraydosen

Letztes Jahr fingen die Künstler außerdem eine Gemeinschaftswand an, die im Vorfeld bei mehreren Meetings bis ins kleinste Detail skizziert und digitalisiert wurde. Zur Feier des Gestaltungsbeginns veranstaltete Andreas Enge ein Festival und kümmerte sich um die Getränke und Musik für seine Graffiti-Künstler. Innerhalb von zwei Wochenenden konnte die Wand fertiggestellt werden, was nicht zuletzt auch an den Vorarbeiten lag, die der Malermeister durch Schleifen und farbige Grundierung geleistet hatte. In diesem Jahr wurde im gleichen Ablauf, die Rückseite des Hauses beendet. Inzwischen hat auch Andreas Enge Gefallen am Sprayen gefunden und probiert sich von Zeit zu Zeit an der Spraydose aus. Bis heute wurden ca. 150 Farben in unzähligen Arbeitsstunden aus geschätzt 800 Dosen an die Wand gebracht, doch noch ist das Projekt nicht beendet. Der Visionär sieht sein Ziel erst dann erreicht, wenn alle Flächen bemalt sind. Dabei wurden einige Designs sogar schon wieder übermalt. Der bunte Hinterhof hat trotz allem seine Fans. Die außergewöhnliche Gestaltung hat sich soweit herumgesprochen, dass mittlerweile Schulklassen kommen, um sich den Hof anzusehen. Mit einem Spruch im Graffiti-Stil hat sich der Maler auf der Fassade seines Betriebs verewigt:»Die Kunst hat das Handwerk nötiger, als das Handwerk die Kunst«. Im Kern mag die Aussage der Wahrheit entsprechen, und doch gehen die Disziplinen bei diesem Projekt Hand in Hand. Mehr Informationen zu Andreas Enge und seinen Projekten finden Sie auf der Homepage des Malerbetriebs.