04. Oktober 2017

Schützenliesel trifft Graffiti

NACH RUND EI­NEM MONAT IST DAS PR­OJEKT FER­TIG­GE­STELLT – UND BE­GEI­ST­ERT NICHT NUR DEN AUF­TRAG­GE­BER, DIE HAUP­T­SCHÜTZEN­GE­SELLSCHAFT. IM HIN­TER­GRUND IST DAS GEBÄUDE DER HSG ZU SE­HEN. FOTO: BUNT­LACK/​BEN­JAMIN SCHA­NDEL­M­AIER

Als Benjamin Schandelmaier, Graffiti-Künstler aus München, seine neue Nachbarschaft erkundete, fiel ihm sofort die lange, graue Betonmauer auf dem Sportgelände der Königlich privilegierten Hauptschützengesellschaft (HSG) in der Zielstattstraße 6 im Stadtteil Obersendling auf. Schnell stand für ihn fest: Diese Wand muss bemalt werden. Das war vor gut einem Jahr. Heute ist das Projekt abgeschlossen und das Ergebnis begeistert nicht nur den Auftraggeber. Dieser musste jedoch zunächst überzeugt werden – ein traditionsreicher, alteingesessener Schützenverein, gegründet 1406. Über die positive Resonanz seiner Gestaltungsidee im Vorstandsausschuss sagt Benjamin Schandelmaier: „Das war sehr erfreulich, weil die meisten im Vorstand zwischen 60 und 70 Jahre alt sind und tatsächlich alle für eine Neugestaltung gestimmt haben.“

Die Schützenliesel als nachhaltiges Motiv

Das Motiv entwarf er gemeinsam mit Nikola Kolobaric. Beide sind Teil des Buntlack-Teams, eine fest in der Münchner Street-Art-Szene etablierte Gemeinschaft aus befreundeten Graffiti-Künstlern. Ralf Spitzer, ein drittes Mitglied, half bei der gestalterischen Ausführung. Natürlich sollte das Design einen Bezug zum Schützenverein beinhalten, aber auch die Lokalverbundenheit zur bayerischen Landeshauptstadt zum Ausdruck bringen. Außerdem legte der Vereinsvorstand Wert auf ein nachhaltiges Motiv. Auf der ganzen Länge der 5,5 x 67 Meter großen Mauer verschmelzen nun traditionelle Symboliken aus der Welt des Schützenvereins mit graphischen und klassischen Graffiti-Elementen sowie moderner Gestaltungstechnik, getreu dem Projektmotto „Tradition trifft Urbane Kunst“. Von zwei historischen Gewehren flankiert, steht zentral das HSG-Logo, links davon die Schützenliesel, Patronin der Schützen, rechts eine Zielscheibe. Das mit Eicheln umrandete Wort München auf der einen, und eine Waldszenerie auf der anderen Seite, bilden die Abschlüsse.

Notwendige Vorarbeiten

Bevor das Buntlack-Team mit dem Sprayen beginnen konnte, war eine Vorgrundierung der Betonwand notwendig. Unterstützung erhielten die Künstler dabei von Ilker Altug, einem Malermeister aus München und Inhaber des Malerbetriebes Spektrum Malermeister. Auch für andere Street-Art-Projekte hatte er bereits entsprechende Untergrundvorbehandlungen ausgeführt. Zunächst wurde die Wand mit Tiefgrund bearbeitet, dann folgte ein zwei-, teilweise dreifacher Farbanstrich mit einem Graco-Airless-Spritzgerät. Brillux sponserte das verwendete Reinacrylat „Evocryl“: Insgesamt kamen rund 90 Liter der saftgrünen Farbe an die Wand. Die Wahl der Fassadenfarbe erfolgte in Abstimmung mit den verwendeten Acryl-Spraydosen. Dass die ganze Fläche bearbeitet werden konnte, war dank der Hebebühne möglich, die Mateco für vier Wochen zur Verfügung stellte. Mithilfe eines Beamers wurden die Skizzen schließlich auf die Mauer übertragen – und der kreative Teil der Arbeit konnte beginnen.

Mit der Neugestaltung der Schützenmauer ist München ein Stück bunter geworden

Rund einen Monat und etwa 300 Spraydosen später, haben die drei Graffiti-Künstler Ende August die vormals triste, graue Betonwand in einen echten Blickfang verwandelt. Es ist das bislang größte Projekt von Buntlack. Realisierbar war das vor allem durch finanzielle Förderungen, unter anderem vom Münchner Kulturreferat. Seit 2015 gibt es dort ein Programm, das Urban-Art-Projekte, darunter Graffiti und Street Art, mit jährlich 180.000 Euro unterstützt. Ziel ist es, urbane, nicht-kommerzielle Projekte lokaler und internationaler Künstler zu ermöglichen, um den öffentlichen Raum zu gestalten – in dieser Form einzigartig in Deutschland. Ein weiterer Teil kam von der „Stiftung Straßenkunst“ der Münchner Stadtsparkasse und natürlich dem Schützenverein selbst. Das Besondere an dem Projekt ist seine Vielschichtigkeit. Zum einen verbindet es das Malerhandwerk mit der Graffiti-Kunst. Eine hochwertige und professionelle Untergrundvorbereitung trägt zur Langlebigkeit und Wirkungsentfaltung des Kunstwerks bei – ein Konzept, das Buntlack und Ilker Altug gemeinsam ausbauen wollen. Zum anderen steht das Projekt beispielhaft dafür, wie reibungslos sich Tradition und Moderne vereinen lassen, denn extremer könnten die Gegensätze auf den ersten Blick kaum sein. Und nicht zuletzt ist die Stadt München mit der Neugestaltung der Schützenmauer wieder ein bisschen bunter geworden.